Mit dem Ende der Weihnachtstage verschwinden meist auch Glanz und Glitzer, die den Dezember begleitet haben. Die nun folgenden beiden Monate wirken dagegen manchmal geradezu nüchtern, dunkel, lang und leer. Ich liebe die Weihnachtszeit — und doch bringt der Januar ein seltsames Aufatmen. Über einen Winter, der nichts von einem verlangt, und über das, was im Haus bleibt, wenn der Christbaumschmuck und alles andere sorgfältig verpackt sind und ich (wieder) dem Rhythmus der Natur folge.
Vom Küchenfenster unserer alten Wohnung bot sich mir im Januar und frühen Februar am Himmel ein Fest der Farben. Kurz vor Sonnenaufgang spielte das Licht mit den Wolken, färbte sie zart orange, kräftig rosa, bedächtig lila, dunkelgelb, apricot gegen das klare Blau, das zwischen den Wolkenfetzen in der Ferne hindurchschimmerte. Wie Schattenrisse wirkten die kahlen Bäume vor dieser Kulisse. Eisig kalte Luft atmete ich ein, während ich beobachtete, wie sich die Farbformationen im Minutentakt änderten, bis sie schließlich ganz verschwanden, sobald die Sonne über die Dächer gestiegen war.
Mit voller Kraft ins neue Jahr durchstarten? Nein, danke.
Die Tage sind kurz und kalt. Auch wenn ich gerne draußen bin, genieße ich es in keiner anderen Jahreszeit so sehr, es mir in der Wohnung gemütlich zu machen. Nichts würde mir jetzt mehr widerstreben, als große Projekte anzugehen. Es ist kein Warten auf den Frühling, sondern eine Phase der Regeneration und Innenschau, deren ich wahrlich bedarf.
Diese Winterwochen sind vita contemplativa in Reinform: Jahr für Jahr betrachte ich den Himmel, den Zug der Wolken, die Komposition der Farben — und ebenso betrachte ich die Bewegung meiner Gedanken, meine Ziele und Pläne für das neue Jahr, denen ich ihre finale Gestalt noch nicht gegeben habe. Die Umsetzung kommt, wenn die Frühlingssonne die vita activa verkündigt.
Ein Rahmen für den Tag
Im Winter ist es nicht das Sonnenlicht, das Anfang und Ende eines Tages kennzeichnet. Kleine Rituale übernehmen dies stattdessen. Den sozialen Medien verdanken wir den Begriff „romanticize your life“. Das nimmt sich geradezu bescheiden aus neben der Forderung „Die Welt muß romantisiert werden. So findet man den ursprünglichen Sinn wieder.“ von Novalis. Als ich vor Jahren im Studium erstmals dieses Kernzitat der frühromantischen Theorie hörte, sprach es mir aus der Seele. Ich entzünde im Winterhalbjahr nicht deshalb bei jeder Mahlzeit eine Kerze, weil es sonst zu dunkel wäre. Ich beobachte nicht deshalb das fahle Schimmern der Dämmerung an einem frostigen Morgen, weil ich sonst nichts zu tun hätte. Ich gebe dem Gewöhnlichen eine Form und behandele das Alltägliche mit Aufmerksamkeit statt Effizienz.
Ich nehme mir Zeit. Zeit für eine zweite Tasse Tee. Zeit für ein warmes Frühstück — mal Porridge, mal Rührei. Ich nehme mir Zeit für Stille.
Abends ziehe ich die Vorhänge zu und schalte zwei kleine Lampen ein. Keine davon macht das sanfte, wohlige Licht, das ich mir wünsche — zum Lesen und Schreiben sind sie eher ungeeignet. Eigentlich müssten wir sie ersetzen und ein, zwei dazukaufen. Bis dahin ist es, wie es ist. Eine Kerze würde zur Gemütlichkeit vielleicht beitragen, an der Lichtsituation aber nicht viel ändern.
Die Kerze hat bei mir ohnehin ihre festen Orte: Bei den Mahlzeiten ist sie Pflicht, beim Entspannungsbad eine Freude. Im Wohnzimmer zünde ich sie eigentlich nur zur Weihnachtszeit an, sonst selten und nur, wenn mir danach ist. Die Badezusätze variieren — je nachdem, was das Christkind mir gebracht hat.
Was ich abends wirklich brauche, ist weder ein Bad noch besseres Licht, sondern eine Decke aus Lammwolle und heißer Tee. Im Januar gibt es noch den aus dem Dezember übrig gebliebenen alkoholfreien Glühwein. Kekse sind optional. Und dann: ein paar Seiten lesen, ein Erinnerungsbuch schreiben, ein Vision Board gestalten, fernsehen oder nichts tun.
Was im Haus bleibt — und was nicht
Kränze, Gestecke und Sträuße mit saisonalem Grün wie Kiefer, Tanne oder Stechpalme sind traditionell eher dem Dezember zuzuordnen. Gerade bei floralen Elementen achte ich darauf, dass die Dekoration drinnen zu dem passt, was draußen gerade zu finden ist. Immergrüne Pflanzen gibt es auch in unseren Breiten. Efeu ist eine meiner liebsten Zimmerpflanzen.
Wunderschön anzusehen draußen und ebenso dekorativ für Innenräume sind die skelettartigen, eingetrockneten Blütenstände von Hortensie, Fetthenne, Distel oder einiger Ziergräser.
Wenn Anfang Januar bereits Hyazinthen und Primeln allerorten zum Kauf angeboten werden, finde ich das immer wieder irritierend. Die Pflänzchen sind in den Geschäften zu dieser Zeit des Jahres schließlich nur deshalb so prächtig und farbenfroh, weil ihre natürliche Blütezeit künstlich vorgetrieben wurde – und somit eben nicht mehr natürlich ist.
Wie ihr dekoriert, ist natürlich euch allein überlassen. Doch für mich liegt die Schönheit und Anmut eines Lebensstils im Einklang mit den Jahreszeiten darin, das zu nutzen, was die Natur anbietet und diesen Reichtum zu erkennen – diese Fähigkeit kann man sich zu keiner anderen Zeit so sehr zu eigen machen, wie im Mittwinter.
Für eine einladende und warme Atmosphäre, die im Mittwinter Gemütlichkeit vermittelt, passen einerseits satte, kräftige Farben, aber auch weiße, helle Töne und Dekorationselemente, wie
Wolldecken
Kissen mit Tartanbezügen
Lichterketten (ja, auch außerhalb der Weihnachtszeit)
Bienenwachskerzen
Schafsfellteppiche
Efeu als immergrüne Pflanze
kahle Zweige, etwa von der Birke – in einer Vase oder zu Kränzen gebunden
Sträuße aus Blumen im Winterstand
Fasanenfedern – allein in einer Vase, als Beiwerk eines Trockenstraußes oder Kranzes
Zweige von Winterkirsche oder Weidenkätzchen
Essen & Trinken
Saisonales Essen ist eine wunderbare Möglichkeit, mit den natürlichen Rhythmen von Mutter Erde verbunden zu bleiben. Eine auf die Jahreszeiten abgestimmte Speisekammer ermöglicht es, mühelos gesunde und nährstoffreiche Mahlzeiten zuzubereiten.
Füllt eure Speisekammer in der kalten Jahreszeit mit Zutaten für gemütliche Gerichte wie Eintöpfe, Suppen, Aufläufe und Schmorgerichte. Eines meiner Lieblingsgerichte ist Mac and Cheese – beispielsweise mit Brie und Cranberries oder mit Blumenkohl. Fermentierte Lebensmittel wie Sauerkraut oder Kimchi stärken das Immunsystem während der Wintermonate. Wärmende Gewürze wie Zimt, Ingwer, Kurkuma und Nelken sind eine Wohltat für Leib und Seele.
Eine mit saisonalen Produkten und passenden Gewürzen bestückte Vorratskammer macht das Kochen im Einklang mit den Jahreszeiten zum Kinderspiel.
Regionale Lebensmittel für Wintergerichte:
Pastinaken
Rote Bete
Rosenkohl
Walnüsse
Softaprikosen (Trockenfrüchte)
Jahreszeitliche Rituale & Feste
Rituale und Zeremonien helfen dabei, das Leben noch fester im Einklang mit den Jahreszeiten zu verankern. Jede Jahreszeit hat eine ihr einzigartige Energie – und diese sollten wir feiern! Dafür bedarf es keiner größeren Zusammenkünfte mit geliebten Menschen; einfache, persönliche Traditionen sind dafür ebenso geeignet. Es liegt ganz bei euren individuellen Präferenzen.
Zum Winter gehört zunächst natürlich die Advents- und Weihnachtszeit, die voller Traditionen steckt. Für manche ist Weihnachten am 27. Dezember vorbei – dabei hat es doch gerade erst so richtig angefangen. In der Nacht vom 24. auf den 25. Dezember beginnen nämlich die Rauhnächte – die magische Zeit der 12 heiligen Nächte, die mit vielen Gebräuchen verbunden ist. Bei allen Ritualen, die mit den Rauhnächten verbunden sind, geht es darum, mit dem alten Jahr bewusst abzuschließen und sich positiv auf Neues vorzubereiten und einzustimmen. Ob ihr dabei persönliches Wachstum oder spirituelle Erfahrungen in den Vordergrund stellt, ist euch überlassen – nicht selten bedingt sich beides.
Auch nach den Rauhnächten oder unabhängig davon gibt es keine Jahreszeit, die so sehr zur Innenkehr einlädt.
Die Kälte und Dunkelheit des Mittwinters bieten die ideale Phase zum Ruhen, zum Planen – die Natur zieht sich zurück, um im Frühling mit neu gewonnener Kraft zu erblühen; genau das sollten wir auch tun, statt zu versuchen, im Januar energiegeladen durchzustarten und neue Ziele anzugehen. Dafür ist der Frühling, wenn alles erwacht, um so vieles besser geeignet.
Kleine und große Feste feiern: geliebte Menschen zusammenbringen
Besonders schön an einer Lebensweise, die sich an den Jahreszeiten orientiert, besteht darin, dies mit unseren Lieben zu teilen und auf eine Weise zu feiern, die sich tief mit der Erde verbunden anfühlt. Ob intime Dinnerparty, Pärchenabend oder großes Fest – wenn ihr eure Zusammenkünfte in der Jahreszeit verankert, werden sie umso wertvoller und auch ausgefallener.
Für den Winter eignet sich besonders ein gemütliches Abendessen bei Kerzenschein mit herzhaften Speisen, warmem Apfelwein und selbst gebackenem Brot. Macht den Abend und das Essen zu einer Zeit des Austauschs und der Reflexion. Ladet eure Gäste ein, etwas mitzubringen, das entweder ihr vergangenes Jahr repräsentiert oder Pläne und Hoffnungen für die Zukunft symbolisiert. Geschichtenerzählen am Feuer oder gemeinsames Basteln schaffen einen intimen, bedeutungsvollen Abend.
F U N D S T Ü C K E für den W I N T E R
Abschließende Gedanken
Im Einklang mit den Jahreszeiten zu leben bedeutet, ein Zuhause und einen Lebensstil zu erschaffen, der sich auf natürliche Weise mit der Natur verbindet. Ob ihr eure tägliche Routine anpasst, ein jahreszeitliches Ritual einführt oder einfach nur eure Einrichtung verändert – diese kleinen, achtsamen Anpassungen können unglaublich viel Behaglichkeit und Freude in euer Heim bringen.
Wenn ihr euch auf die Zyklen der Natur einlasst, erschafft ihr nicht nur ein saisonales Zuhause – ihr entwickelt auch eine tiefere Verbindung zur Welt um euch herum und kultiviert ein Gefühl von Frieden und Balance, das alle Bereiche eures Lebens bereichert und sinnstiftend ist.
W E I T E R E B E I T R Ä G E
Im Einklang mit den Jahreszeiten


„Besser als nichts" — oder alles. Über den vergleichenden Blick, der nicht nur Gärten kleinredet, sondern auch ein Leben.