Großeltern im Wochenbett: zwischen Abgrenzung und Verständnis

wochenbett großeltern

Die Beziehung, die sich nach der Geburt am häufigsten als schwierig erweist, ist die zu den Großeltern des eigenen Kindes. Die Gründe erscheinen zunächst vielfältig, lassen sich bei genauerem Hinsehen aber oft auf eine gemeinsame Wurzel zurückführen. Im Wochenbett beginnt es; später wird es manchmal komplizierter. Ob die Schwierigkeit daher rührt, dass diese Menschen auf Jahre hinaus zur eigenen Lebenswelt und der des Kindes gehören, oder aus Verletzungen der eigenen Kindheit — das eine schließt das andere nicht aus. Was bleibt, ist ein Generationenkonflikt: unterschiedliche Vorstellungen davon, was ein Kind braucht, getroffen in einer Zeit, die sich von der vorangegangenen grundlegend unterscheidet. Darum geht es in diesem Beitrag: um die Ansprüche der Großeltern, Erziehungsansätze, Elternschaft im Wandel der Zeit und um den Spagat, den eigenen Weg zu gehen bei dem gleichzeitigen Versuch, Verständnis für eine Generation zu finden, deren eigene Kindheit nicht selten den Regeln von Adultismus und Liebesentzug unterlag.

Foto: Juliana Socher, Chrononauts Photography

“Das ist ja schließlich unser Enkelkind!” — Haben Großeltern ein Recht auf das Enkelkind?

Dieser Satz wird allzu gern als Argument für die Ansprüche der Großeltern verwendet — auf Besuch im Wochenbett und darüber hinaus, auf das Halten des Babys, auf Mitsprache. Er klingt nach einer Selbstverständlichkeit, und gerade darin liegt seine Wucht. Doch er enthält eine Annahme, die sich bei näherem Hinsehen nicht hält: dass Verwandtschaft ein Recht auf einen Menschen begründe.

Welcher Mensch hat überhaupt ein Recht auf einen anderen? Bei genauer Betrachtung: keiner. Erwachsene haben kein Recht aufeinander — nicht in der Liebe, nicht in der Freundschaft, nicht in der Familie. Beziehungen unter Erwachsenen beruhen auf Freiwilligkeit, und sobald ein Anspruch an ihre Stelle tritt, hört das auf, was sie trägt. Die einzige Ausnahme ist eine gerichtete und asymmetrische: Ein Kind hat ein Recht auf seine Eltern. Doch dieses Recht ist das Recht des Schwächeren auf Schutz, nicht das Recht des Stärkeren auf Zugriff. Es weist in eine Richtung — vom Kind zu denen, die für es sorgen müssen — und lässt sich nicht umkehren.

Damit steht der Satz vom eigenen Enkelkind auf dem Kopf. Er behauptet ein Recht des Erwachsenen auf das Kind. Diese Richtung aber gibt es nicht. Was es gibt, ist die Verantwortung der Eltern für das Kind, und aus ihr folgt, dass die Entscheidungen bei ihnen liegen: wer kommt, wann, wie lange, wer das Baby hält. Das ist kein Machtanspruch der Eltern, sondern die Kehrseite ihrer Pflicht.

Eine Beziehung gibt es jedoch, die in ihrer Einzigartigkeit keinem Anspruch zugänglich ist, auch nicht dem elterlichen: die zwischen Mutter und Kind. Niemand darf sich zwischen diese beiden stellen. Am Anfang begreift ein Säugling die eigene Existenz ohnehin nur in Verbindung mit der Mutter; die Vorstellung, eine eigene Person zu sein, entsteht erst später. Solange ein Kind Säugling ist, braucht es niemanden außer den Eltern, und im Wochenbett muss es nicht nur dem Baby gut gehen, sondern auch der Mutter. Letzteres bedingt sogar ersteres.

Aus dieser Grenze aber folgt kein Ausschluss. Dass die Mutter-Kind-Beziehung — und natürlich jede Eltern-Kind-Beziehung — unantastbar ist, heißt nicht, dass für andere kein Platz wäre. Es heißt nur, dass jede weitere Beziehung sich anders begründen muss — auch die zwischen Großeltern und Enkelkind.

Und damit verschiebt sich die Frage von einer des Rechts zu einer der Beziehung. Wie entsteht eine Bindung zwischen Großeltern und Enkelkind, die trägt — eine echte, die sich nicht allein auf das Verwandtschaftsverhältnis beruft? Das erzwungene „Jetzt gib dem Opa ein Küsschen, das ist schließlich dein Opa." ist gerade nicht der Weg dorthin. Es ist der Anspruch im Kostüm der Zärtlichkeit, und Kinder spüren diesen Unterschied genau. Eine Beziehung, die hält, entsteht wie jede andere: durch Verlässlichkeit, durch Zugewandtheit, durch Zeit.

Beim Säugling und Kleinkind aber führt dieser Weg über die Eltern. Wer dem Kind nahekommen möchte, kommt nicht vorbei an jenen, die für das Kind sorgen. So kehrt die Frage zu den Großeltern zurück — nicht als Vorwurf, sondern als das, was sie eigentlich ist: Sollte ihnen nicht selbst daran gelegen sein, ein gutes Verhältnis zu den Eltern ihres Enkelkindes zu haben, deren Wünsche zu achten, deren Bedürfnisse zu respektieren? Nicht, weil jemand es von ihnen verlangt, sondern weil darin die Bedingung liegt, unter der die Nähe wachsen kann, die sie sich wünschen.

Darin liegt eine stille Umkehr. Großeltern, die sich über die Eltern hinwegsetzen, schaden am Ende vor allem ihrer eigenen Sache — nicht, weil ihnen das Kind vorenthalten würde, sondern weil sich Beziehung nicht erzwingen lässt. Der Respekt vor den Eltern ist kein Tribut, der gefordert wird. Er ist der Boden, auf dem die ersehnte Nähe zum Enkelkind erst Wurzeln schlägt. Das ist keine Drohung. Es ist vielmehr eine Einladung.

Wächst das Kleinkind heran, kommt es allmählich zu einer Verschiebung. Ein Kleinkind gehört sich selbst. Es entscheidet, zu wem es geht und zu wem nicht. Das macht die Sache leichter und schwerer zugleich: leichter, weil das Nein-Sagen an Bedeutung verliert; schwerer, weil mitunter auszuhalten ist, dass das eigene Kind sich Menschen zuwendet, denen man es als Säugling nicht auf den Arm gegeben hätte.

Bei einem schwierigen Verhältnis zu den Großeltern entsteht zuweilen der Wunsch, das Kind möge zu ihnen keine Beziehung aufbauen. An diesem Punkt lohnt dieselbe Frage noch einmal, nun umgekehrt gestellt: Wenn niemand ein Recht auf das Kind hat, hat dann jemand das Recht, dem Kind eine Beziehung vorzuenthalten? Es ist das Kind, um das es geht — und was ihm guttut, ist nicht immer deckungsgleich mit dem, was die eigene Verletzung nahelegt. Anders liegt der Fall allein dort, wo von den Großeltern Schaden ausgeht. Dann stellt sich diese Frage nicht, und es gibt gute Gründe, den Kontakt zu unterbinden.

 
 

Übergriffige Ratschläge in Schwangerschaft und Wochenbett: Warum es nicht immer um einen selbst geht

Nicht selten müssen sich bereits Schwangere übergriffige Bemerkungen und die allseits gefürchteten gut gemeinten Ratschläge anhören. Nach der Entbindung setzt sich das meist fort.

Auch ich empfand zunächst tiefe Wut über einige Aussprüche meiner Schwiegermutter. Als wir von der Schwangerschaft erzählten, sagte sie: „Mach doch eine Frühgeburt. Dann musst du nicht mit dem ganz großen Bauch rumlaufen." Wenige Wochen vor der Geburt erfuhr sie von meinem Vorhaben zu stillen. Ihre Reaktion: „Viele Frauen können das ja gar nicht, weil sie nicht genügend Milch haben.”

Erst eine dritte Person, der ich aufgebracht davon erzählte, wies mich auf etwas hin, das ich übersehen hatte: Es ging gar nicht um mich. Meine Schwiegermutter wollte keine Ratschläge erteilen, keine Angst einflößen, keine Vorfreude verderben. Sie sprach von sich selbst. Sie hatte eine Frühgeburt im siebten Monat erlebt und durfte ihr Baby in den ersten Wochen nur wenige Minuten täglich sehen — durch eine Scheibe auf der Neugeborenen-Intensivstation. Das Stillen hat nach dieser sorgenvollen Zeit nie funktioniert.

Diese Verschiebung der Perspektive löst den Satz nicht auf, aber sie verändert ihn. Was als Belehrung ankam, war ein unbeholfener, egozentrischer Ausdruck einer eigenen, unverarbeiteten Erfahrung. Nicht jede übergriffige Bemerkung lässt sich so auflösen — aber die Frage, woher ein Satz eigentlich kommt, ist oft aufschlussreicher als der Satz selbst.

Generationenkonflikt: Elternschaft im Wandel

“Das hätte es früher nicht gegeben.” — Kann man ein Baby durch Tragen verwöhnen?

Auch dieser Satz verdient es, hinterfragt zu werden. In der Regel leiten Großeltern damit Kritik an der Erziehung ihrer Enkelkinder ein. Oft geht es dabei darum, dass wir unsere Babys nicht schreien lassen, dass sie nicht allein schlafen müssen, dass wir sie tragen.

Die Zeit, in der wir unsere Kinder heute großziehen, unterscheidet sich ganz wesentlich von den Gegebenheiten, die vorangegangene Generationen vorfanden. Nie zuvor war die wissenschaftliche Forschung weiter, nie gab es mehr Studien, nie einen breiteren Zugang zu einer Vielfalt und Vielzahl an Informationen und letztlich auch dank Social Media nie so viele Möglichkeiten zum Austausch mit anderen Schwangeren, Müttern und Vätern.

Was die Bindungsforschung heute zeigt, lässt sich knapp zusammenfassen: Einen Säugling kann man nicht verwöhnen — schon gar nicht durch Zuwendung. Wer trägt, wer auf Schreien reagiert, wer Nähe gibt, verzieht kein Kind, sondern deckt Grundbedürfnisse. Nachzulesen ist das etwa bei Nora Imlau, Nicola Schmidt und natürlich Jesper Juul, dem Wegbereiter der bedürfnisorientierten Erziehung.

Gerade jene Eltern, für die Bindung ein zentraler Faktor ist, wollen das, was früher üblich war, ihren Kindern nicht antun. Ja, antun. Nichts anderes war es. Denn die früheren Maßstäbe verwechselten Liebe mit Gehorsam, Gehorsam mit Respekt, Respekt mit Angst — und Härte mit Stärke. Was als Strenge galt, war auf der emotionalen Ebene oft etwas anderes: psychische Gewalt.

Das adultistische Muster darin — die selbstverständliche Höherstellung des Erwachsenen über das Kind — ist den Betreffenden oft nicht bewusst.

Auseinandersetzungen einer Generation mit der vorangegangenen sind kein neues Phänomen; Elternschaft war immer im Wandel. Der Satz „Das hätte es früher nicht gegeben" wurde nicht erst durch die Entwicklung der bedürfnisorientierten Erziehung aufgeweicht. Auch unsere Elterngeneration hatte andere Ansichten als ihre eigenen Eltern.

So verlief die Kindheit der Millennials (oder Generation Y; im Zeitraum der frühen 1980er bis zu den späten 1990er Jahren Geborene) in der Regel gewaltfreier als die der Kriegskinder und Baby-Boomer. Für die Generation Z, geboren zwischen 1997 und 2012, ist dieser Maßstab seit 2001 sogar gesetzlich verankert: In § 1631 BGB heißt es: „Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig.“

Bereits wir Millennials hatten weniger Angst, unsere Meinung gegen die unserer Eltern zu vertreten und eigene Lebensentscheidungen zu treffen, etwa hinsichtlich der Berufswahl. Trotzdem gab es in unserer Kindheit noch genügend Strafen — weniger auf der körperlichen, dafür eher auf der emotionalen Ebene.

Aber der entscheidende Unterschied ist eben die bereits erwähnte Fülle an Informationen, die es inzwischen gibt und die Möglichkeiten, auf diese zuzugreifen. Wir wissen schlichtweg mehr — und gerade das macht es schwierig. Wissen muss gefiltert, sortiert, nutzbar gemacht werden, und manches davon ist kaum zu ertragen.

Die Konsequenz daraus ist historisch neu: Alle vorangegangene Generationen verließen sich weitgehend auf die Erfahrung ihrer Eltern; angesichts des heutigen Wissensstands ist diese Selbstverständlichkeit für uns keine mehr.

Da Respekt und Gehorsam für unsere Elterngeneration häufig aneinander gekoppelt sind, wird das Ablehnen gut gemeinter Ratschläge leicht als persönliche Zurückweisung erlebt.


 

E R G Ä N Z E N D E R B E I T R A G

Besuch im Wochenbett

{ Besuchsregeln, diplomatisch Nein sagen und mehr }

 
wochenbett besuch
 

Verständnis für die vorangegangenen Generationen: das Erbe der Johanna Haarer

Wenn die Großeltern unserer Kinder in abfälligem Ton diesen für uns schwer zu ertragenden Satz „Das hätte es früher nicht gegeben.” sagen, ist Abgrenzung angemessen. Der heutige Wissensstand ist nicht nur ein Privileg, das sich für die Erziehung der eigenen Kinder nutzen lässt, sondern auch eine Verantwortung.

Aber Kritik und Verständnis schließen sich hier nicht aus. Es ist möglich, die Großeltern für das zu kritisieren, was sie heute sagen, und zugleich Mitgefühl zu haben für die Kinder, die sie einmal waren. Allzu oft erhielten sie Liebe nicht um ihrer selbst willen, sondern nur an Bedingungen geknüpft: sie mussten gehorchen, gefallen, Leistung zeigen. Wie tief diese Maßstäbe reichten, lässt sich an einem Dokument ihrer Zeit ablesen — und es lohnt, einen Moment dabei zu verweilen, denn ohne dieses Erbe ist die Generation der Großeltern nicht zu verstehen.

Der weit verbreitete Erziehungsratgeber der Ärztin Johanna Haarer, Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind, erschien 1934 in erster und 1987 (!) in letzter Auflage unter dem Titel Die Mutter und ihr erstes Kind. Das Buch empfahl, das Neugeborene nach der Geburt zunächst vierundzwanzig Stunden allein zu lassen. Es warnte davor, ein Kind zu viel zu tragen, es bei Schreien zu trösten, ihm nachzugeben. Das Kind, so die Lehre, müsse früh lernen, dass es mit seinem Geschrei nichts erreiche. Mitgefühl der Mutter galt als Schwäche, Nähe als Verzärtelung. Es war eine Anleitung zur planmäßigen Missachtung kindlicher Bedürfnisse — und sie war über Jahrzehnte millionenfach verbreitet. Bei dieser Lektüre dreht sich einem der Magen um. Nichts an dieser Lehre war Strenge im harmlosen Sinn. Es war psychische Gewalt, ausgeübt an wehrlosen Säuglingen.

Diese Säuglinge waren unsere eigenen Großeltern, unsere eigenen Eltern. Manche von ihnen wurden Eltern, die selbst keine Wärme zeigen konnten — der Vater, der keine Emotion zuließ; die Mutter, die freundlich lächelnd alles schulterte, während sie innerlich zerbrach. Wer das als Kind erlebt hat, kennt den Nachhall bis heute. Und doch lässt sich von außen nicht für den Einzelfall festschreiben, wer woran wie sehr gelitten hat und was daraus folgte. Das Erbe erklärt vieles. Es nimmt die Frage nicht ab, wie wir den Menschen, die es weitertragen, heute begegnen wollen — und wo die Grenze verläuft, an der Verständnis endet und Schutz beginnt.

Denn schlussendlich sind wir ihre Kinder. Dass Entscheidungen, die in bester Absicht getroffen wurden, dem wichtigsten Menschen in ihrem Leben geschadet haben könnten, ist eine schmerzhafte Einsicht — für beide Seiten. Eine Einsicht, die manchmal nicht erfolgt, weil sie zu schmerzhaft ist.

 

Es liegt ein Wert darin, dass heute nicht mehr früher ist — dass sich die Begleitung der eigenen Kinder am Erkennen von Bedürfnissen und am Aufbau von Bindung ausrichten lässt. Es geht um echte, schutzbedürftige Menschen. Es geht um unsere Kinder.


LESENSWERT:

Anne Kratzer: Warum Hitler bis heute die Erziehung von Kindern beeinflusst. Eine Analyse. In: Zeit Online. 18. September 2018
Sigrid Chamberlain: Adolf Hitler, die deutsche Mutter und ihr erstes Kind. 1997

 

W E I T E R E B E I T R Ä G E

Wochenbett

Zurück
Zurück

Kinder fotografieren.

Weiter
Weiter

Reisen mit Kindern vs. Reisen ohne Kinder: Unterschiede in der Reiseplanung