Vom Wunsch zur Wirklichkeit: Anleitung zum Erstellen eines effektiven Vision Boards

Inhalt: was ein Vision Board jenseits der popkulturellen Verkürzung tatsächlich ist // wie das Gehirn visuelle Zielrepräsentationen verarbeitet // ein Fünf-Stufen-Modell für die Erstellung // wiederkehrende Schwachstellen, an denen Vision Boards scheitern // wie sich aus einem Bild eine tägliche Praxis entwickelt

Spiegel-Selfie in Herbstmode mit Ralph Lauren Blazer als Symbol für visionäres Selbst

Vision Boards stehen im Verdacht, esoterisches Wunschdenken zu sein — Bildercollagen, die das Leben verändern sollen, ohne weiteres Zutun. Die kognitive Neurowissenschaft beschreibt allerdings sehr präzise, unter welchen Bedingungen visuelle Zielrepräsentationen tatsächlich wirken — und unter welchen nicht.

Im Folgenden eine Anleitung zur Erstellung eines Vision Boards, das die Wirkmechanismen ernst nimmt: selektive Aufmerksamkeit, emotionale Wertzuweisung, episodisches Zukunftsdenken. Und ein paar Beobachtungen dazu, was sich verschiebt, wenn diese Übung im Kontext von Mutterschaft stattfindet.



Oft heißt es, der Weg sei das Ziel. Die längste Zeit habe ich das auch gedacht. Dieses Bild hat sich für mich verschoben. Natürlich sollte der Weg durch das Leben Freude und Erfüllung bringen — aber zumindest sollte man wissen, in welche Richtung man geht. Das ist letztlich die Voraussetzung dafür, dass es überhaupt einen Weg gibt. Eine Vision ist nicht der Ersatz für das Gehen des Weges, sondern Bedingung dafür, dass Bewegung intentional und zielgerichtet ist — und nicht nur Treibenlassen.

Neue Wege erfordern in der Regel Veränderung — und diese ist oft schmerzhaft. Deshalb bedarf es eines guten Grundes, einer überzeugenden Vision, um den ersten Schritt und die folgenden zu gehen. Dieser Grund muss nicht intellektuell sein, sondern gefühlsmäßig verankert. Was rein kognitiv plausibel klingt, trägt selten durch lange Phasen. Was ein starkes emotionales Echo auslöst, schon — so funktioniert intrinsische Motivation.




Die Wissenschaft hinter Vision Boards

Im Kern ist ein Vision Board eine visuelle Darstellung von Zielen — eine kuratierte Sammlung von Bildern und Symbolen, die das angestrebte Leben repräsentieren. Die Wirkung dieser Sammlung ist nicht magisch. Sie liegt in der Art, wie das Gehirn mit visuellen Reizen umgeht.

Das menschliche Wahrnehmungssystem nimmt mehr Reize auf, als das Bewusstsein verarbeiten kann. Eine in der älteren Neurowissenschaft populär gewordene Schätzung beziffert das Verhältnis auf etwa 11 Millionen Bits pro Sekunde an sensorischem Input gegenüber rund 50 Bits, die ins bewusste Erleben gelangen.¹ Die genauen Zahlen sind in der aktuellen Forschung kontrovers — neuere Schätzungen legen die bewusste Verarbeitungsrate eher bei etwa 10 Bits pro Sekunde an² —, der Grundbefund bleibt: Wahrnehmung ist konstant filtrierende Tätigkeit, und der weitaus größte Teil der einlaufenden Reize erreicht das Bewusstsein nie.

Die zentrale Frage ist, wonach gefiltert wird. In der populären Literatur wird diese Filterleistung häufig dem retikulären Aktivierungssystem (RAS) im Hirnstamm zugeschrieben. Das ist eine gut etablierte Struktur, deren Hauptfunktion allerdings die Regulation von Wachheit, Vigilanz und allgemeinem Arousal ist.³ Zielgerichtete, inhaltliche selektive Aufmerksamkeit — also die Hervorhebung relevanter Reize aus dem Sensorium — wird in der aktuellen Forschung präziser kortikalen Netzwerken zugeordnet: dem frontoparietalen Aufmerksamkeitsnetzwerk und dem Salience-Netzwerk, die in Wechselwirkung mit subkortikalen Strukturen wie dem Thalamus und dem RAS arbeiten.⁴

Funktional bleibt der Effekt derselbe: Was als relevant markiert ist, wird bevorzugt registriert. Was keine Markierung trägt, durchläuft die Wahrnehmung, ohne erinnert oder gewertet zu werden.

 

Dazu gehört ein Phänomen, das den meisten aus eigener Erfahrung bekannt sein dürfte: Wer etwas (einen Gegenstand, eine Marke oder einen bestimmten Begriff) erstmals bewusst wahrnimmt, hat anschließend den Eindruck, das Element tauche plötzlich überall auf. Während meiner Schwangerschaft wurden plötzlich überall um mich herum Schwangere sichtbar. Aber die Welt hat sich nicht verändert. Die Aufmerksamkeit hat sich verschoben — was vorher durch den Filter fiel, durchläuft ihn jetzt. In der kognitionspsychologischen Literatur heißt das Baader-Meinhof-Phänomen oder Häufigkeitsillusion.⁵

 





Wer regelmäßig mit Bildern der eigenen Ziele konfrontiert ist, trainiert das Gehirn auf eine Aufmerksamkeitsausrichtung. Gelegenheiten, die mit diesen Zielen kohärent sind, werden eher erkannt — was die Wahrscheinlichkeit erhöht, auf sie zu reagieren.






Warum Bilder anders wirken als Worte

Menschen sind zutiefst visuelle Wesen. Viele kennen es: In einer Prüfungssituation erinnern wir uns manchmal nicht an das Wissen aus einem Buch, sondern nur an die exakte Position auf der Seite, auf der wir es gelesen haben. Optische Muster sind für das Gehirn oft leichter abrufbar als abstrakte Inhalte.

Bilder sind nicht nur für unsere Erinnerung, sondern auch für unsere Wahrnehmung zentral, denn sie werden in mehrfacher Hinsicht anders verarbeitet als Text. Die kognitionspsychologische Grundlage dafür liefert die Dual-Coding-Theorie nach Allan Paivio: Bildliche Information wird in zwei parallelen Systemen kodiert — visuell und verbal —, sprachliche Information hingegen meist nur verbal. Aus dieser doppelten Repräsentation folgt eine messbar bessere Erinnerungsleistung für Bilder gegenüber Worten, der sogenannte Picture Superiority Effect.⁶

Studien zeigen außerdem, dass visuelle Darstellungen von Zielen Motivation und Zielverfolgung über die reine Erinnerungsleistung hinaus erhöhen.⁷

Was hier wirkt, ist nicht das Bild allein, sondern seine emotionale Ladung. Je stärker die affektive Resonanz mit einer Vorstellung, desto deutlicher die Wertzuweisung — und desto wahrscheinlicher die Kohärenz zwischen Wahrnehmung, Aufmerksamkeit und Handlung.




Vision Boards unter Mutterschaft

Eine kurze Anmerkung, bevor es praktisch wird. Vision Boards werden oft mit der Frage verbunden: Wer will ich sein? Im Kontext von Mutterschaft verändert sich die Frage geringfügig — und damit alles. Sie lautet dann eher: Was bleibt, was kommt hinzu, was verschiebt sich? Eine Vision unter Mutterschaft ersetzt nicht die Person, die vorher da war. Sie erweitert sie um eine zusätzliche Dimension, die noch keine fertige Form hat.


Wer dazu mehr lesen möchte: Mutterschaft — vor der Sprache arbeitet das genauer aus. Für die folgende Anleitung genügt der Hinweis: Die Bilder, die ein Vision Board trägt, dürfen das prä-mütterliche Selbst genauso einschließen wie das, was sich gerade neu zeigt. Akkumulation, nicht Substitution.



 
Wilde Karde als botanische Illustration — Trennelement im Abschnitt über Visionsarbeit unter Mutterschaft
 

Der Fünf-Schritte-Plan zur Erstellung eines effektiven Vision Boards

 
vision board erstellen in fünf schritten
 

1. Träumen: episodisches Zukunftsdenken nutzen

Ein guter Ausgangspunkt ist die Vorstellung des eigenen Lebens in drei Jahren. Nicht abstrakt, sondern in Szenen: ein Morgen, ein Raum, ein Gespräch, eine Tätigkeit. Wie sieht die Umgebung aus, wer ist anwesend, womit ist die Person, die wir in drei Jahren sind, gerade beschäftigt?

Das ist episodisches Zukunftsdenken — die Fähigkeit, zukünftige Ereignisse detailliert mental zu simulieren. Eine bildgebende Studie von Peters und Büchel aus dem Jahr 2010 hat gezeigt, dass diese Form des Denkens die Neigung zur zeitlichen Abzinsung messbar verringert — also die Tendenz, kurzfristige Belohnungen gegenüber langfristigen Zielen zu bevorzugen. Beteiligt sind dabei vor allem präfrontale und mediotemporale Hirnregionen, deren Kopplung mit der Lebendigkeit der vorgestellten Szene zunimmt.⁸

 

Mögliche Kategorien:

Wer keine Anhaltspunkte hat, kann sich an folgenden Bereichen orientieren:

  • ein Ort, der auf der Reiseliste steht

  • ein Buch, das gelesen werden möchte

  • ein Gesundheits- oder Fitnessziel

  • ein berufliches Ziel

  • eine Haltung oder Denkweise, die sich entwickeln soll

  • eine Gewohnheit, die in den Alltag einziehen möchte

  • ein Vorhaben, das längst verschoben wurde

  • ein Einrichtungsstil für die eigenen Räume

  • ein gestalterisches Projekt

  • ein Kleidungsstil

  • ein Motto, das tragen soll

Je nach Zahl und Heterogenität der Bereiche kann es sinnvoll sein, mehrere Vision Boards anzulegen.


Fragen zur Selbstklärung

Wer mit Kategorien zu wenig anfangen kann, kommt über Fragen oft weiter:

  • Was soll im Leben tatsächlich entstehen?

  • Welches materielle und immaterielle Erbe wäre für die eigenen Kinder denkbar?

  • Welches Maß an Sicherheit ist notwendig für inneren Frieden?

  • Welche berufliche Form wäre erfüllend?

  • Welchen Interessen sollte mehr Raum gegeben werden?

  • Was für eine Mutter zu sein, ist das eigene Ziel?

  • Welche Beziehung soll sich zwischen Mutter und Kind entwickeln?

  • Womit wäre die verbleibende Lebenszeit am liebsten gefüllt?


Diese Fragen lassen sich nicht in einer Sitzung beantworten. Sie können einige Tage offen liegen, in den Hintergrund treten und unaufgefordert zurückkehren.

 

Das Lebensrad als strukturierte Grundlage

Die vorangegangenen Kategorien und Fragen können etwas beliebig erscheinen. Für eine systematische und ganzheitliche Sichtweise auf die eigene Situation ist das “Rad des Lebens” ein geeignetes Instrumentarium.

Das Rad des Lebens ist ein einfaches Werkzeug zur Selbstbewertung: ein Kreis, unterteilt in Segmente, die die wichtigen Lebensbereiche repräsentieren. Die übergeordneten Bereiche Karriere, Gesundheit, Beziehungen und persönliches Wachstum können in weitere Segmente unterteilt werden — so kann Beziehungen aufgespalten werden in Partnerschaft, Familie und Freundschaft.

In jedem Segment wird die aktuelle Zufriedenheit auf einer Skala von 1 bis 10 markiert. Verbindet man die Punkte, entsteht eine geschlossene Form. Je gleichmäßiger und je größer dieser innere Kreis, desto ausbalancierter — sofern die Werte hoch genug liegen. Ein kleines, gleichmäßiges Rad bedeutet, dass alle Bereiche gleich unbefriedigend sind.

Typischerweise werden folgende Kategorien für das Rad des Lebens genutzt:

  • Gesundheit (physische & mentale)

  • Beziehungen (Partnerschaft, Familie, Freund*innen)

  • Beruf / Karriere

  • Finanzen

  • Persönliche Entwicklung

  • Freizeit / Hobbies

  • Umgebung / Zuhause

  • Sinn / Spiritualität / Bedeutung / Beitrag

Welche Kategorien tatsächlich relevant sind, entscheidet jede Person selbst. Das Rad ist Spiegel, nicht Vorgabe. Bei regelmäßiger Anwendung zeigen sich Muster: welche Bereiche sich entwickeln, welche stagnieren, welche systematisch übersehen werden.

 
 
vision board rad des lebens für die persönliche entwicklung
 



Aus Kategorien, Fragen und Rad entstehen die Impulse, an denen sich die eigene Vision konkretisieren kann.

Wirklich hilfreich ist die Vorstellung, wie es sich anfühlt, ein Leben zu führen, in dem die Wunschvorstellungen real geworden sind. Dieser Prozess benötigt oft Tage oder Wochen. Vorstellungskraft funktioniert besser, wenn sie nicht durch das gefiltert wird, was gerade als realistisch gilt. Träume dürfen mutig und maßlos sein.

Eine Visualisierungsübung — fünf Minuten, ein offenes Notizbuch — kann diese Bilder festhalten. Schreiben verlangsamt das Denken und fixiert, was sonst flüchtig bleibt.



2. Sammeln: Bilder für Ergebnisse und Prozesse

Nun kommt der unterhaltsame Teil: das Sammeln. Pinterest eignet sich gut, weil die algorithmischen Vorschläge nach den ersten Suchanfragen meist präzise werden. Wichtig: Es werden zwei Arten von Bildern gesucht:

  • Ergebnisbilder zeigen das Ziel selbst — ein Abschluss, ein bestimmter Wohnraum, eine fertige Form.

  • Prozessbilder zeigen den Weg dorthin — jemanden, der studiert, läuft, schreibt, meditiert.

Diese Unterscheidung ist nicht dekorativ. Ein Vision Board, das ausschließlich Ergebnisse zeigt, verliert leicht den Anschluss an die alltägliche Bewegung, die zu diesen Ergebnissen führt. Prozessbilder machen das Vision Board umsetzbar.

Sinnvoll ist außerdem die Mischung aus:

  • konkreten Motive, die ein Ziel unmittelbar veranschaulichen, als auch

  • abstrakten Darstellungen, die ein Gefühl oder eine Stimmung repräsentieren.

Entscheidend ist nicht das ästhetische Gefallen, sondern die emotionale Resonanz. Bilder, die etwas auslösen — Sehnsucht, Neugier, ruhiges Wiedererkennen — wirken stärker als Bilder, die nur gefallen.

Sobald diese besonderen Bilder gefunden sind, können sie auf einer entsprechenden Pinnwand gespeichert und außerdem heruntergeladen werden.


 

Bilder für Vision Board – Pinterest Tipps:

  1. Möglichst spezifische Suchphrasen verwenden — Pinterest ist eine Bild- und Ideensuchmaschine: 'ralph lauren outfits women autumn', 'kleine küche moderner landhausstil' oder 'iceland travel aesthetic'

  2. Beim Klick auf einen ansprechenden Pin wird das Bild nicht nur vergrößert; der Feed scrollt weiter mit ähnlichen Bildern. So lässt sich die Bildsprache vertiefen.

  3. Lieblingsbilder auf einer Pinnwand sammeln, gegebenenfalls in Unterordnern. Ein nicht gespeichertes Bild ist im Pinterest-Feed praktisch verloren.

 



3. Ablegen: Arbeitsbereich für Inspiration schaffen

Die gesammelten Bilder kommen in einen flexiblen Arbeitsbereich.

Ich verwende Canva für meine Vision Boards. Die kostenlose Version ist völlig ausreichend, um ein Layout für ein Vision Board zu erstellen.

Alternativen sind Adobe Express, die App Moldiv oder Google Slides. Alle funktionieren auf Desktop und mobilen Geräten. Seit 2024 bietet auch die Pinterest-App eine Collagen-Funktion an — Bilder aus der Kamerarolle, gespeicherte Pins und Cutouts lassen sich direkt dort kombinieren.

Filtern ist zu diesem Zeitpunkt noch nicht nötig. Es geht um Fülle, nicht um Auswahl.



4. Verfeinern: personalisieren und schärfen

Jetzt erfolgen Auswahl und Bearbeitung:

  • Duplikate entfernen,

  • Bilder mit schwacher emotionaler Resonanz löschen und

  • gegebenenfalls Personalisierungen vornehmen, um Ziele konkreter darzustellen und die emotionale Bindung an die eigene Vision zu verstärken. Beispiele:

    • eine Abschlussurkunde mit eigenem Namen und passender Bezeichnung

    • ein Buchcover mit Wunschtitel und eigenem Namen als Autor:in

    • eine Auszeichnung mit eigenem Namen

    • eine Website-Vorschau mit eigenem Logo

    • eine Visitenkarte mit der angestrebten Position

    • ein Social-Media-Profil mit Zielwerten



Wie viele Bilder gehören auf ein Vision Board?

Es gibt keine Regel. Für manche Ziele genügt ein Bild, andere brauchen mehrere. Wer in sehr unterschiedlichen Bereichen Ziele hat, kann getrennte Vision Boards anlegen — eines für die berufliche Sphäre, eines für die private, eines für ein bestimmtes Thema (Reisen, Wohnen, Familie).



5. Zusammenführen: digitales oder physisches Vision Board gestalten — oder beides

Im letzten Schritt entscheidet sich, in welcher Form das Vision Board genutzt werden soll.

Entscheidend ist, dass das Vision Board täglich mehrmals angesehen werden kann. Dafür eignen sich

  • digitale Hintergrundbilder (Smartphone, Laptop, Tablet)

  • ein gedrucktes Poster oder eine Leinwand an einem gut sichtbaren Ort (über dem Schreibtisch, am Kühlschrank, usw.)

Beim finalen Layout helfen einfache Prinzipien: verwandte Themen können gruppiert werden, ein gewisser visueller Rhythmus erleichtert das Wahrnehmen, und es darf so persönlich aussehen, wie es sich richtig anfühlt. Minimalistisch oder dicht, ruhig oder lebendig — beides funktioniert.


Wer mehrere Vision Boards hat oder auch andere Hintergrundbilder nutzen möchte, kann bei iPhone den Rotationsmodus aktivieren (Einstellungen – Hintergrundbild). Das Rotationsintervall habe ich bei mir auf eine Stunde festgelegt.



 

Wie sollte ein Vision Board aussehen?

So, dass es inspiriert. Nur Bilder, Bilder und Text, minimalistisch oder dicht — alles funktioniert, solange das Board die Person, deren Vision es trägt, tatsächlich anspricht. Das eigene Board hat keine Regeln zu folgen außer dieser.

 




Vier wiederkehrende Schwachstellen beim Erstellen eines Vision Boards

1. Ausschließliche Konzentration auf materielle Ziele

Luxusgüter sind kein Problem, aber die Forschung weist auf hedonistische Adaptation hin — die Tendenz, nach starken positiven oder negativen Lebensereignissen relativ schnell zum eigenen Glücksniveau zurückzukehren.⁹ Die Freude an materiellen Dingen verblasst messbar schnell (Easterlin-Paradox).¹⁰

Bilder, die mit Bedeutung und Erfüllung verknüpft sind, halten länger.





2. Selbstzensur statt Erweiterung

Wer in der Visualisierungsphase bereits filtert, was realistisch ist, hat die Übung im Kern abgebrochen. Die Auswahl, was möglich ist, gehört nicht in den ersten Schritt — sie ergibt sich später, im Tun. Das Vision Board ist nicht der Ort für Bescheidenheit gegenüber sich selbst. Es geht um Erweiterung, nicht um Begrenzung.





3. Starre Zeitpläne

Ein Vision Board ist kein Projektplan. Die übermäßige Betonung von Fristen kann zu Frustration und Mangeldenken führen.

Wenn Zeitstruktur gewünscht ist, gehört sie in ein separates Dokument, etwa einen Aktionsplan, der das Vision Board ergänzt.





4. Fixierung auf das Endergebnis

Ein Vision Board, das nur Ergebnisse zeigt, lässt offen, wie sie entstehen und gibt keinen Halt. Prozessbilder schließen diese Lücke, machen die Vision an den Alltag anschließbar und ermöglichen, sie mit konkreten Handlungen zu verknüpfen.






Die Kluft zwischen Vorstellung und Handeln schließen

Ein Vision Board ist nur so wirkungsvoll wie die Interaktion damit.

Bewährte Praktiken:

  • Tägliche Auseinandersetzung: Wirksamkeit setzt Regelmäßigkeit voraus — eine Minute reicht, um die visuelle Verankerung zu erhalten.

  • Sichtbarkeit: ein Vision Board als Hintergrundbild auf Smartphone und Laptop oder als Poster in der Küche oder im Bad.

  • Bewusste + unbewusste Ausrichtung: Bewusst erinnert das Vision Board an die darauf repräsentierten Ziele. Unbewusst trainiert es die Aufmerksamkeitsausrichtung auf zu diesen Zielen passende Gelegenheiten.

  • Verbindung zwischen langfristiger Vision und konkreter Zeit: mit kürzeren Reflexionszyklen kombinieren — vierteljährliche Standortbestimmungen oder Ziele, monatliche Bestandsaufnahmen, wöchentliche Notizen. Diese Form ist freiwillig, nicht obligatorisch, schließt aber die Ausführungslücke — die Kluft zwischen Träumen und Handeln. Manche Visionen entwickeln sich jedoch besser im Stillen.



 
Wilde Karde als botanische Illustration — Trennelement im Abschnitt über Visionsarbeit unter Mutterschaft
 

 

V E R W A N D T E T E X T E

 

QUELLEN

¹ Zimmermann, M. (1989): The Nervous System in the Context of Information Theory. In: R. F. Schmidt & G. Thews (Hrsg.): Human Physiology. 2. Aufl., Springer, Berlin/Heidelberg, S. 166–173. — Die häufig zitierte Größenordnung von rund 11 Millionen Bits pro Sekunde sensorischer Aufnahme (überwiegend visuell) bei einer bewussten Verarbeitungsrate im niedrigen zweistelligen Bereich geht auf diese Schätzung zurück. Eine zugängliche Zusammenfassung findet sich auch in Encyclopaedia Britannica: „Information Theory — Physiology".

² Zheng, J. & Meister, M. (2025): The Unbearable Slowness of Being: Why Do We Live at 10 Bits/s? Neuron 113 (2), S. 192–204. doi:10.1016/j.neuron.2024.11.008. — Eine aktuelle Übersicht über bewusste Verarbeitungsraten in verschiedenen Aufgabenkontexten, die zum gleichen strukturellen Befund kommt (massive Filterung), aber den bewussten Durchsatz konservativer mit etwa 10 Bits pro Sekunde beziffert.

³ Moruzzi, G. & Magoun, H. W. (1949): Brain Stem Reticular Formation and Activation of the EEG. Electroencephalography and Clinical Neurophysiology 1 (1–4), S. 455–473. — Die grundlegende Arbeit zur Entdeckung der Funktion des aufsteigenden retikulären Aktivierungssystems (ARAS) für Wachheit und kortikale Aktivierung.

⁴ Corbetta, M. & Shulman, G. L. (2002): Control of Goal-Directed and Stimulus-Driven Attention in the Brain. Nature Reviews Neuroscience 3 (3), S. 201–215. doi:10.1038/nrn755. — Grundlegende Übersicht zum dorsalen und ventralen frontoparietalen Aufmerksamkeitsnetzwerk. Vgl. außerdem Seeley, W. W. et al. (2007): Dissociable Intrinsic Connectivity Networks for Salience Processing and Executive Control. Journal of Neuroscience 27 (9), S. 2349–2356; sowie Uddin, L. Q. (2015): Salience Processing and Insular Cortical Function and Dysfunction. Nature Reviews Neuroscience 16 (1), S. 55–61. — In der populärwissenschaftlichen Literatur wird die Funktion zielgerichteter selektiver Aufmerksamkeit häufig pauschal dem RAS zugeschrieben; die aktuelle Forschung lokalisiert diese inhaltliche Filterung präziser in kortikalen Netzwerken, die mit dem RAS interagieren, aber funktional von ihm zu unterscheiden sind.

⁵ Zwicky, A. M. (2006): Why Are We So Illuded? Manuskript, Stanford University. Online verfügbar: https://web.stanford.edu/~zwicky/LSA07illude.abst.pdf — Zwicky prägte den Begriff der frequency illusion für das ältere, ursprünglich umgangssprachlich aus einer Leserbrief-Diskussion in der St. Paul Pioneer Press 1994 entstandene Baader-Meinhof-Phänomen. Er führt es auf das Zusammenspiel zweier Mechanismen zurück: selektive Aufmerksamkeit und Bestätigungsfehler (Confirmation Bias).

⁶ Paivio, A. (1971): Imagery and Verbal Processes. Holt, Rinehart & Winston, New York. — Grundlegung der Dual-Coding-Theorie. Vgl. ergänzend Paivio, A. (1986): Mental Representations: A Dual Coding Approach. Oxford University Press, New York; sowie Paivio, A. (1991): Dual Coding Theory: Retrospect and Current Status. Canadian Journal of Psychology 45 (3), S. 255–287. — Die klassische empirische Demonstration der Bildüberlegenheit für Wiedererkennen lieferte Standing, L. (1973): Learning 10,000 Pictures. Quarterly Journal of Experimental Psychology 25 (2), S. 207–222.

⁷ Rawolle, M., Schultheiss, O. C., Strasser, A. & Kehr, H. M. (2017): The Motivating Power of Visionary Images: Effects on Motivation, Affect, and Behavior. Journal of Personality 85 (6), S. 769–781. doi:10.1111/jopy.12285. — Sowie Voigt, F. J., Jais, M. & Kehr, H. M. (2022): An Image of What I Want to Achieve: How Personal Visions Motivate Goal Pursuit. Academy of Management Proceedings 2022 (1). doi:10.5465/AMBPP.2022.16812abstract.

⁸ Peters, J. & Büchel, C. (2010): Episodic Future Thinking Reduces Reward Delay Discounting through an Enhancement of Prefrontal-Mediotemporal Interactions. Neuron 66 (1), S. 138–148. doi:10.1016/j.neuron.2010.03.026. — Replikationen und Erweiterungen u. a. in: Daniel, T. O., Stanton, C. M. & Epstein, L. H. (2013): The Future Is Now: Reducing Impulsivity and Energy Intake Using Episodic Future Thinking. Psychological Science 24 (11), S. 2339–2342; sowie Schacter, D. L., Benoit, R. G. & Szpunar, K. K. (2017): Episodic Future Thinking: Mechanisms and Functions. Current Opinion in Behavioral Sciences 17, S. 41–50.

⁹ Brickman, P. & Campbell, D. T. (1971): Hedonic Relativism and Planning the Good Society. In: M. H. Appley (Hrsg.): Adaptation-Level Theory: A Symposium. Academic Press, New York, S. 287–302. — Sowie die viel zitierte empirische Folgearbeit: Brickman, P., Coates, D. & Janoff-Bulman, R. (1978): Lottery Winners and Accident Victims: Is Happiness Relative? Journal of Personality and Social Psychology 36 (8), S. 917–927. Für eine differenziertere neuere Übersicht siehe Diener, E., Lucas, R. E. & Scollon, C. N. (2006): Beyond the Hedonic Treadmill: Revising the Adaptation Theory of Well-Being. American Psychologist 61 (4), S. 305–314.

¹⁰ Easterlin, R. A. (1974): Does Economic Growth Improve the Human Lot? Some Empirical Evidence. In: P. A. David & M. W. Reder (Hrsg.): Nations and Households in Economic Growth. Academic Press, New York, S. 89–125. — Sowie Easterlin, R. A. (1995): Will Raising the Incomes of All Increase the Happiness of All? Journal of Economic Behavior and Organization 27 (1), S. 35–47. — Die These ist nicht unumstritten; eine wichtige Gegenposition vertreten Stevenson, B. & Wolfers, J. (2008): Economic Growth and Subjective Well-Being: Reassessing the Easterlin Paradox. Brookings Papers on Economic Activity 2008 (1), S. 1–87.

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