Struktur statt Stress: So meistere ich den Alltag mit meinem hochsensiblen Kleinkind
Ein hochsensibles Kleinkind zu Hause zu betreuen erfordert viel Planung und Organisation. Ein strukturierter Tagesablauf ist das A und O. Und zwar für uns beide. Wer wir beide sind? Meine dreijährige Tochter (hochsensibel) und ich, ihre Mama. Ich betreue mein Kind allein zu Hause. Sie benötigt eine ruhige Umgebung und feste Struktur. Ich übrigens auch. Das ist ein zentraler Teil meiner Selbstfürsorge als Mama. Bevor ich eine feste Tagesstruktur für uns entwickelt habe, waren wir beide häufig reizüberflutet.
Da sich Kinder so rasch entwickeln, ist die Aufgabe, eine gute Alltagsstruktur zu finden, nie abgeschlossen, sondern ein laufender Prozess. Regelmäßige Realitäts-Checks und daraus resultierende Anpassungen unseres Alltags sind notwendig, um das tägliche Leben mit einem hochsensiblen Kleinkind so zu gestalten, dass meine Tochter eine schöne Kindheit hat und ich eine erfüllte Mutterschaft.
Die Herausforderungen bestehen dabei für mich im Spannungsfeld aus angeleitetem Alleinspiel, alltäglichen Aufgaben, Besorgungen und Haushalt sowie Zeit für mich selbst. Da ich keine Fremdbetreuung in Anspruch nehme, ist meine Tochter den ganzen Tag bei mir.
Meine beiden größten Schwierigkeiten bestanden lange Zeit darin, meinem Kind Grenzen zu setzen und einen strukturierten Tagesablauf zu etablieren. Inzwischen ist mir die Umsetzung gelungen – mithilfe der Ansätze des Familientherapeuten Jesper Juul und der Wissenschaftsjournalistin und Gründerin des “artgerecht”-Projekts Nicola Schmidt.
In diesem Beitrag beschreibe ich meine hehren Ziele (stressfreier Alltag mit meiner Tochter, Reduktion der Reizüberflutung für uns beide, Förderung ihrer Entwicklung & Zeit für meine Selbstfürsorge als Mama), die Herausforderungen und Lösungswege, die tatsächlich funktionieren.
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1. Ausgangslage = meine Zielsetzung im Alltag mit einem hochsensiblen Kleinkind: ein strukturierter Tagesablauf mit Raum für Selbstfürsorge und kindliche Autonomie
Von dem Augenblick an, als mir die Hebamme im Kreissaal mein Neugeborenes auf die Brust legte, habe ich mein ganzes Leben komplett verändert. Alles habe ich radikal auf mein Baby ausgerichtet.
Solange mein Baby ein Baby war, war dies auch kein Problem. Meine Tochter benötigte wenig: Muttermilch, frische Windeln und meine Nähe, am besten direkten Körperkontakt – ich hatte sie meistens in der Babytrage, auch zu Hause.
Doch als sie größer wurde, veränderten sich ihre Bedürfnisse – nun ja, es kamen vor allem neue hinzu, insbesondere auch durch ihre wachsenden Fähigkeiten. ein Kleinkind will die Welt erkunden, sich ausprobieren und Selbstwirksamkeit erfahren.
Zu meinem Baby hatte ich nie Nein gesagt – außer natürlich, um ihre Gesundheit zu schützen, etwa, wenn sie sich einen Kieselstein in den Mund stecken wollte. Zu meinem Kleinkind Nein zu sagen, musste ich erst lernen. Und dieser Prozess fiel mir unglaublich schwer.
Doch es war aus vielen Gründen notwendig. In unserer Situation ist mein Nein sogar unabdingbar, um eine feste Tagesstruktur zu etablieren. Zu häufig reagierte ich auf die Impulse meines Kindes, statt selbst proaktiv zu sein. Damit gab ich die Möglichkeit, zu gestalten, aus der Hand.
Mein Problem erkannte ich relativ rasch, doch zu einer Lösung kam ich nicht so schnell.
Zunächst habe ich die entsprechende Literatur konsultiert: Nein aus Liebe* und Erziehen ohne Schimpfen*
Grundsätze bindungs- und beziehungsorientierter Elternschaft
Jesper Juul:
„Kinder brauchen keine perfekten Eltern, sondern authentische Menschen.“
Meine Unsicherheit beim Setzen von Grenzen ist nach Juul weder ungewöhnlich noch ein seltenes Phänomen. Wie erfreulich. Weniger erfreulich dagegen: Juul betont, dass klare, liebevolle Führung durch Erwachsene essenziell ist – nicht durch autoritäre Regeln, sondern durch persönliche Haltung. Und schon fühle ich mich schäbig, weil ich es in der Vergangenheit durchaus gelegentlich an Klarheit vermissen ließ.
„Nein sagen heißt Ja zu sich selbst sagen.“
Ein Satz, wie ein Rettungsanker. Mehr noch: Absolution. Das Setzen von Grenzen ist kein Liebesentzug, sondern eine wertvolle Orientierung für das Kind. Oft schon habe ich gedacht, dass viele “Jas” zu meiner Tochter automatisch “Neins” zu mir selbst waren.
Familienstruktur ist ein Dialogprozess.
Das Familienleben im Ganzen – ausgedrückt in den kleinen Details des Tagesablaufs – darf flexibel wachsen. Diese Entwicklung sollte gemeinsam mit dem Kind stattfinden und nicht gegen dessen Bedürfnisse.
Nicola Schmidt:
„Kinder kooperieren immer – wenn sie nicht tun, was wir wollen, hat das Gründe.“
Auch ein Satz, der, als ich ihn das erste Mal las, eine unglaublich erleichternde und befreiende Wirkung auf mich hatte. Nun gut, aber welche Gründe könnten das sein? Nach einiger weiterer Recherche bezüglich kindlicher Bedürfnisse und Verhaltensweisen kam ich zu dem Schluss, dass meine Tochter möglicherweise gleichzeitig überreizt und unterfordert ist. Klare Rahmenbedingungen und feste Rituale sind die auf den ersten Blick so einfach erscheinende Antwort, um Kindern Sicherheit zu geben.
Beziehungs- statt Bedürfnisorientierung.
Die Balance zwischen meiner Selbstfürsorge und den Bedürfnissen meines Kindes steht hier im Zentrum. Achtsamkeit ist für mich wesentlich, um dieses Gleichgewicht zu erlangen und zu halten.
Das war die Theorie. Kommen wir zum praktischen Teil.
2. Analyse der Herausforderungen
| Herausforderung | mögliche Ursachen | Ansatz |
|---|---|---|
| kaum Struktur im Tagesablauf | Reaktion auf kindliche Impulse statt proaktiver Tagesgestaltung | ein fester Rhythmus mit wiederkehrenden Ritualen |
| Schwierigkeiten beim Nein-Sagen | Angst vor Konflikten / schlechtes Gewissen | „Nein“ als Ausdruck von Verantwortung & Beziehungskompetenz |
| Kind beschäftigt sich kaum allein | Bedürfnis nach Sicherheit, Orientierung, Co-Regulation | strukturiertes Anleiten zum Alleinspiel mit klarer Rahmung |
| Belastung durch Haushalt und Besorgungen | permanente Co-Präsenz, Reizüberflutung für beide | Alltag entlasten durch Mini-Routinen und Realitäts-Check sowie akribische Planung und Vorbereitung |
2.1. Struktur für den Alltag mit hochsensiblem Kleinkind (3 Jahre)
Vielleicht erscheint es manchen absurd, doch ein Kalender, in dem ich meinen hauptsächlichen Lebensbereich als Mutter und Hausfrau plane, ist für mich essenziell. Ich notiere alles – von To Do’s im Haushalt, anstehenden Besorgungen bis hin zu Besuchen bei meinem Vater oder Unternehmungen, die nur mein Kind und mich betreffen, wie beispielsweise ein Ausflug in den Zoo. Dafür liebe ich diesen Kalender von Lebenskompass*, der mir nicht nur Übersichtlichkeit schenkt, sondern auch unglaublich viel Motivation und positive Energie .
Ein idealer Tagesrahmen gliedert sich nicht in starre Uhrzeiten, sondern in verlässliche Abschnitte mit Ritualen, die Orientierung bieten. Diese können an natürliche Übergänge im Tageslauf gebunden werden.
Morgens: Ankommen & Orientierung
Ritual (Mini-Routine) nach dem Aufwachen: Exklusivzeit mit kuscheln, gemeinsam die Vorhänge zurückziehen und aus dem Fenster schauen („Hallo Welt“), ein Buch zusammen ansehen.
klares Morgenritual: Frühstücken, waschen, Zähne putzen, anziehen – am besten in fester Reihenfolge; Visualisierung des Ablaufs mit einer Bildtafel.
Tagesüberblick mit Bildern: Zeigen, was heute auf den Programm steht (z. B. einkaufen, Spielplatz, Bibliothek). Das gibt Sicherheit.
Vormittags: gemeinsames Spiel & Übergang zum Alleinspiel / Programmpunkte: Zeit für Notwendiges oder Unterhaltsames
10–15 Min. intensive Exklusivzeit: vollständige Zuwendung – z. B. lesen, Rollenspiel, malen, Puppenpflege.
Danach: "Mama-Zeit / Ich-Zeit" einführen – visualisiert mit einer Sanduhr oder einem Timer für Kinder*. Spielmaterialien nutzen, die sich bereits bewährt haben (z. B. Puzzle, Magnetbausteine, Hörspiel).
Spielimpulse: „Weißt du, was die Tiere im Zoo gerade machen?“ oder „Ich habe dir eine Schatzsuche vorbereitet.“
Programm: Erledigungen, Einkäufe, Post, Playdate, Besuch bei Opi, im Zoo oder auf dem Spielplatz
Obstmahlzeit – entweder zu Hause oder unterwegs: Meine Tochter darf wählen aus dem, was wir gerade da haben.
Mittagessen & Ruhezeit
Gemeinsam zubereiten, dann ruhige Zeit (Buch ansehen, Hörspiel, auf dem Sofa kuscheln).
kein Muss-Schlaf, aber "Leisezeit": Kind ruht – Ich trinke Latte Macchiato und atme einfach nur.
Nachmittags: Spiel, Bewegung & frische Luft
Wenn vormittags Besorgungen anstanden: Spaziergang und/oder Spielplatz, manchmal mit Plan ( „Wir schauen, ob wir wieder die Kaninchen sehen.“) oder mit Dreirad.
Wenn vormittags Unterhaltungsprogramm war (bspw. Zoo oder Bibliothek): spielen und Bewegung zu Hause, im Wohnzimmer oder Garten.
Selten: Playdate mit einem vertrauten Kind – verträgt meine Tochter zu dieser Tageszeit nicht so gut.
Vesper – entweder zu Hause oder unterwegs: Gemüsesticks oder Knäckebrot mit Frischkäse sind bei uns beliebt.
Abends: Runterfahren & Rückblick
Abendritual: Haustiere gemeinsam versorgen, Erlebnisse des Tages malen, Abendessen, gemeinsames Aufräumen („Die Kuscheltiere schlafen auch...“), waschen, Zähne putzen, kurzes Bad.
Abendkreis: Licht dimmen, Tag besprechen („Was war heute schön? Was war schwierig?“ – mit Bildern, Symbolen oder Geschichten arbeiten), Gute-Nacht-Geschichte vorlesen.
Haushalts- und Besorgungsmanagement mit Kind
Einkauf visualisieren: Bilderliste für das Kind („Wir benötigen: Bananen, Käse, Joghurt“)
Rucksack-Ritual: Kind packt selbst Kuscheltier, Wasser, Snack ein – Selbstbestimmung stärken
Haushalt nach dem 2-1-Prinzip: Zwei Aufgaben pro Tag (z. B. Wäsche + Küche), eine bleibt offen.
Haushalt in den Tagesablauf integrieren
Kind einbeziehen: Wäsche sortieren, gemeinsam Spülmaschine aus- und einräumen, Staubwischen, Pflanzen gießen – alles spielerisch. Einerseits dauert es mit der “Hilfe” des Kindes länger, andererseits werden die Aufgaben trotzdem erledigt.
Spielstation in jedem Raum: kleine Kisten mit wenigen Dingen (z. B. Stofftiere, Malutensilien, LEGO DUPLO) – meine Tochter ist überall mit dabei, kann aber in ihrer Welt bleiben.
2.2. Grenzen setzen: Der beziehungsstarke „Ja-Nein-Kompass“
Dabei orientiere ich mich am Modell von Nicola Schmidt:
"Nein" als Orientierung: „Ich sehe, du willst noch spielen. Es ist jetzt Zeit fürs Anziehen. Du darfst dich entscheiden: selbst oder mit Hilfe.“
"Ja" zur Emotion, "Nein" zur Handlung: „Du bist wütend – das darfst du sein. Aber hauen ist nicht in Ordnung.“
"Nein" zu Überforderung für mich selbst: „Ich bin müde. Ich brauche eine Pause. Ich trinke jetzt einen Tee. Danach können wir ein Puzzle machen.“
2.3 Konkrete Strategien zur Förderung des Alleinspielens
Spielinseln statt Spielzimmer: Überforderung vermeiden – weniger ist mehr. Spielzeug täglich mehrmals aufräumen, reduzieren und regelmäßig rotieren.
„Spielbriefe“ oder Aufgabenpost: Ein kleiner Brief vom Kuscheltier, das eine Aufgabe stellt.
Alleinspiel-Übung ritualisieren: Immer zur gleichen Tageszeit, mit gleichem Rahmen (z. B. Musik, Timer, Bildkarte „Jetzt spiele ich allein“).
Emotionale Vorbereitung: „Ich bin in der Küche und lese ein Buch. Wenn du mich brauchst, ruf mich.“
Selbstwirksamkeit fördern: Material bereitstellen, das das Kind zu kleinen Projekten einlädt (z. B. Sticker, Bausteine, einfache Bastelsets).
2.4 Mini-Routinen und Realitäts-Check
Den Alltag durch Mini-Routinen und Realitäts-Checks zu entlasten ist essenziell für mich als Mama eines hochsensiblen Kleinkinds, weil es die Diskrepanz zwischen innerem Anspruch und gelebter Realität systematisch abbaut. Da ich mein Kind zu Hause betreue, kaum Zeit für mich selbst habe und es mir schwer fällt, „Nein“ zu sagen, baue ich auf diesen Ansatz, um eine sanfte, aber tiefgreifende Veränderung zu bewirken.
Was bedeutet „Mini-Routinen“?
Mini-Routinen sind kleinste, verlässliche Handlungsabfolgen, die wiederkehrend, möglichst ortsgebunden und zeiteffizient sind. Sie helfen, den Tag vorhersehbar und emotional sicher zu machen – besonders für hochsensible Kinder, die auf Unvorhersehbarkeit mit Stress oder Rückzug reagieren.
Mini-Routinen sind das Skelett unseres Tages – nicht rigide, sondern stabilisierend.
Reizfilter schaffen für Kind und Mama
Struktur durch Verankerung im Alltag (nicht durch Disziplin)
Verbindlichkeit ohne Starrheit
Selbstfürsorge ritualisieren (nicht „wenn noch Zeit ist“)
Entscheidungsdruck minimieren
Konkrete Mini-Routinen für den Alltag mit hochsensiblem Kleinkind – Praxisbeispiele
Dies sind einige unserer erprobten Routinen – niedrigschwellig, aber äußerst wirkungsvoll und individuell anpassbar:
Snack-Routine (Obstmahlzeit & Vesper) als Entlastungsanker
Ziel: fester Rahmen für „Pause“ und Übergänge
immer zur gleichen Zeit (z. B. 10:30 Uhr und 16 Uhr)
immer an demselben Ort (z. B. Küchentisch) – geht natürlich nur, wenn wir nicht unterwegs sind
immer mit denselben drei Elementen: trinken, essen, kurzer Austausch (Information, was heute noch ansteht oder gemeinsames Besprechen einer zurückliegenden oder der nächsten Aktivität.)
Diese Zeit ist oft auch ideal für mich selbst, um bewusst ein Glas Wasser zu trinken und einmal durchzuatmen – einfach mal nur sitzen.
Haushalts-Mini-Co-Regulation (Kind einbinden)
Ziel: Aufgaben erledigen ohne ständige Unterbrechungen
Beispiel Wäsche machen (Meine Tochter darf allein: nach Farben sortieren, Schmutzwäsche in Wäschesäcke geben, Waschmittel in Waschmaschine geben und Gerät einschalten, schmutzige Wäsche in die Waschmaschine legen und saubere herausholen)
Beispiel Spülmaschine ein- und ausräumen (Einräumen kann meine Tochter bereits allein, beim Ausräumen schafft sie “nur” das Besteck, das Geschirr gibt sie mir einzeln, damit ich es in die Schränke einräume.)
Anfang und Ende sind klar durch regelmäßige Wiederholungen und Erläuterungen von mir.
Seither sehe ich Aufgaben im Haushalt nicht als „Störung“, sondern als Mini-Übungen für gemeinsame Struktur.
Entlastungs-Rituale für mich in den Randzeiten
Ziel: reflektieren, loslassen, mental ordnen
Morgens, bevor Mann und Kind aufwachen: 10 bis 15 Minuten meditieren, Dankbarkeitsübung, die erste Tasse Tee des Tages in Ruhe und allein trinken, einen Blick in den Kalender werfen
Abends, wenn das Kind schläft: die letzte Tasse Tee des Tages allein oder gemeinsam mit meinem Mann genießen, kurz über den Tag sprechen, Paarzeit, Kalender zur Hand nehmen und den nächsten Tag planen
Damit ich es nicht vergesse, lass ich meinen Kalender offen in der Küche liegen, wo ich ihn immer sehe.
Was meint „Realitäts-Check“?
Der Realitäts-Check ist ein regelmäßig wiederholter Prozess, in dem ich mich frage:
| Frage | Bedeutung |
|---|---|
| Was funktioniert wirklich in meinem Alltag? | beobachten statt idealisieren |
| Was überfordert mich oder mein Kind immer wieder? | frühzeitiges Erkennen von Stressquellen |
| Was will ich – und was brauche ich wirklich? | Abgleich zwischen Wunschdenken und Grundbedürfnissen |
| Welche Routinen sind sinnvoll – und welche sind nur „sollte ich“-Ideale? | Perfektionismus loslassen |
Dieser Check ist nicht kritisch, sondern realitätsnah – er erlaubt mit, unseren Tag nicht nach Idealen, sondern nach funktionierenden Mustern zu gestalten.
Realitäts-Check: Praxisbeispiel
Eine meiner Wunschvorstellungen war:
„Jeden Donnerstag sind wir um 9:00 Uhr im Supermarkt, um einzukaufen. Davor wird gefrühstückt, ich räume die Küche auf, während mein Kind 30 Minuten allein spielt. Dann mache ich mich fertig fürs Rausgehen und danach die Kleine.“
Realitäts-Check:
Kind braucht jeden Tag unterschiedlich lang, um den Übergang vom Aufwachen zum Frühstück zu schaffen.
Alleinspiel klappt nicht täglich – und schon gar nicht jeden Donnerstag. Und 30 Minuten sind utopisch.
Einkaufen nach stressiger Spielphase birgt das Risiko für Konflikte.
Wir waren nie um 9:00 Uhr im Supermarkt.
Angepasste Lösung nach Realitäts-Check:
Entwicklung von Mini-Routine und klarem Morgenritual (siehe oben) – das wird jeden Tag beibehalten; gegebenenfalls muss ich früher raus und bereits alles andere vorbereiten
keine Fixierung auf Uhrzeiten, sondern auf Abläufe
Einkauf am Vormittag – mit festen Rollen (Ich gebe meiner Tochter die Sachen und sie legt sie in den Einkaufswagen und dann auf das Kassenband. In Geschäften mit Selbstbedienungskasse scannt sie alle Produkte ein.) und festen Ritualen (Je nach Geschäft kaufen wir etwas Bestimmtes, was sie bereits während des Einkaufens verzehren darf.)
Wir machen nur noch kleine Einkäufe. Die großen Wocheneinkäufe bringt donnerstags der REWE-Lieferdienst.
Akribische Planung und Vorbereitung des Alltags
Das Ergebnis davon ist ein anhaltender und vor allem angenehmer (!) Zustand, in dem ich proaktiv agiere – und nicht mehr nur reagiere auf das, was der Tag mir gerade entgegenwirft.
Alltag mit Kleinkind organisieren: Praxisbeispiel
Das klingt für manche vielleicht nach Kontrollzwang – wie andere das sehen, spielt für mich aber keine Rolle, solange es funktioniert. Mein Leben ist um so vieles einfacher, wenn ich unsere Woche im Voraus plane.
Ich nutze einen Kalender* für alles und notiere alles – egal wie groß oder klein die Sache ist. Wenn ich etwas im Kalender vermerkt habe, kann ich mich darauf verlassen, dass ich es erledigen werden. Und das Beste: Es bindet keine Kapazitäten mehr in meinem Gehirn:
Aktivitäten & Unternehmungen (Einkäufe, Schwimmbad, Zoo, Muffins backen,…)
Termine (Arzt, Playdate,…)
Haushaltsaufgaben (Wäsche waschen, Kühlschrank reinigen,…)
tägliche To Do’s, die kurzfristig anfallen (eine E-Mail schreiben, einen Anruf tätigen,…)
Projekte mit meiner Tochter (Bastel-Arbeiten, LEGO-Baumhaus bauen,…)
langfristige Ziele, die ich in kleinere Schritte unterteile (Fotobuch erstellen,…)
Bausteine meiner Selbstfürsorge (Workouts, Yoga)
Ich versuche, immer vorbereitet zu sein, damit ich vom Alltag nicht überrollt werde und auch auf Unvorhersehbares vorbereitet bin.
Bei Spaziergängen oder Ausflügen auf den Spielplatz habe ich Getränke, Snacks und Wechselkleidung, einschließlich Beutel für nasse Sachen*, dabei. In der warmen Jahreszeit kommt noch Sonnenschutzcreme dazu; in der kalten Wind- und Wetterschutzcreme.
Bei Auswärtsterminen (Besuch im Restaurant/Café, beim Arzt oder bei den Großeltern) habe ich einen Beutel mit Spielzeug (Schleich-Tiere*, Pixi-Bücher, Papier & Stifte, Puzzle, Kartenspiel, kleines Memory-Spiel* und Anti-Stress-Spielzeug*) dabei.
Natürlich bewahre ich auch im Auto eine Auswahl an Spielzeug auf.
Ich achte darauf, immer genügend saubere Kleidung im Schrank zu haben – auch, wenn es bedeutet, dass ich an dieser Stelle nicht umweltbewusst bin und viel häufiger Wäsche wasche, als ich es früher getan habe.
Wie ich begonnen habe – und wie ihr es mit wenig Energie auch könnt
Schritt 1: Kalender kaufen
Pro-Tipp: In meinem Kalender schreibe ich einfach, streiche auch mal etwas durch und verzichte gänzlich darauf, es hübsch zu machen. Keine Farbcodierung, nichts. Pragmatismus ist das oberste Gebot.
Schritt 2: Mini-Routine für den schwierigsten Moment einführen
Beispiel: Übergang vom Spielen zum Anziehen – Klänge können gut funktionieren, etwa bei einem Timer für Kinder. Danach spielerisches und die Autonomie förderndes Anziehen (Kind darf aus zwei Hosen eine auswählen usw.).
Schritt 3: 3-Tage-Realitätsprotokoll
Stichpunktartige Notizen:
Was klappt gut?
Wann wird es schwierig?
Was passiert direkt davor?
Das zeigt schnell, wo Veränderung ansetzen kann – nicht durch mehr Anstrengung, sondern durch klügere Struktur. Mini-Routinen sind die kleinste funktionierende Einheit von Selbstwirksamkeit im Familienalltag.
Der Realitäts-Check sorgt dafür, dass diese Routinen auch wirklich zum Leben passen – nicht zum Ideal.
3. Strukturierter Alltag als Selbstfürsorge für Mama (und Papa) und zur Förderung der kindlichen Entwicklung
Tagesstruktur ≠ Kontrolle – Eine feste Struktur im Alltag ist essenziell, um sich selbst und das Kind zu entlasten und dem Kind Orientierung zu geben; insbesondere bei hochsensiblen Kindern.
Selbstregulation durch Vorleben: Kinder lernen emotionale Stabilität durch Co-Regulation. Entscheidend dafür und auch für das Bindungserleben ist die Selbstfürsorge der Eltern.
Eine feste Tagesstruktur ist für mich persönlich definitiv Teil der Selbstfürsorge und macht mich deshalb zu einer besseren Mama.
Alleinspiel muss strukturiert aufgebaut, nicht „erzwungen“ werden – das Kind braucht emotionale Sicherheit.
Hochsensible Kinder brauchen mehr Pausen, mehr Vorhersehbarkeit und feinere Reize. Ein strukturierter Alltag fördert die Entwicklung von Exekutivfunktionen wie Aufmerksamkeit, Selbstregulation und Impulskontrolle (vgl. Rothbart, Developing Mechanisms of Self-Regulation in Early Life, 2011).
Fazit
„Führung beginnt mit Selbstführung“ (Jesper Juul)
Oh, ja. Für mich persönlich stelle ich fest, dass es ein gewisses Maß an Disziplin erfordert, Struktur im Alltag mit einem hochsensiblen Kleinkind zu etablieren und zu halten. Mein Mann beschreibt mich als ausgesprochen disziplinierten Menschen. Und doch fiel es mir hier zunächst schwer, diese Art der Disziplin aufzubringen. Denn die Etablierung eines strukturierten Alltags mit einem hochsensiblen Kind ist ein Ziel, das täglich meiner Anstrengung bedarf. Es ist ein Prozess, der unterschiedlichen Dynamiken unterliegt; mal funktioniert es besser, mal weniger gut.
Und trotz aller Mini-Routinen, Rituale etc. – jeder Tag ist anders.
Inzwischen jedoch empfinde ich es als Erleichterung, diesen Weg begonnen zu haben und zu gehen.
Dasselbe gilt für das Nein sagen. In der ersten Zeit, als ich noch übte, Nein zu meinem Kind zu sagen, hatte ich immer ein schlechtes Gewissen und fühlte mich schäbig. Doch heute fühle ich mich nach einem klaren Nein häufig befreit. Ein Nein aus ganzem Herzen ist meiner Tochter – und mir selbst – gegenüber ehrlicher und fairer als ein halbherziges Ja.
Und es hat den Effekt, dass ich an anderer Stelle unglaublich gerne ja sage – und dies eben auch aus vollem Herzen. Authentisch. Ehrlich.
Entscheidend für mich ist, dass meine Tochter mich als präsent, verlässlich und authentisch erlebt und wahrnimmt.
Literaturempfehlungen
1. Hochsensibilität bei Kleinkindern
Aron, Elaine N. (1997): The Highly Sensitive Child.
→ Grundlagenwerk zur Hochsensibilität im Kindesalter. Die Autorin beschreibt u. a., wie hochsensible Kinder stärkere Reaktionen auf Reize zeigen und größere Herausforderungen in der Selbstregulation und im sozialen Lernen haben.
Greven, C. U. et al. (2019): Sensitivity in children: a review of neurobiological mechanisms. Neuroscience & Biobehavioral Reviews, 107, 143–152.
→ Zeigt, dass sensitivere Kinder verstärkt auf Umweltbedingungen reagieren und dadurch besonders von einer feinfühligen Struktur profitieren.
2. Struktur und Exekutivfunktionen
Rothbart, M. K., & Bates, J. E. (2011): Temperament. In: Damon & Lerner (Hrsg.), Handbook of Child Psychology.
→ Strukturelle Rahmenbedingungen fördern die Entwicklung von Exekutivfunktionen (z. B. Aufmerksamkeitslenkung, Impulskontrolle, Selbstregulation), vor allem bei Kindern mit hohem Reizverarbeitungstempo oder erhöhter Sensibilität.
Diamond, A. (2013): Executive Functions. Annual Review of Psychology, 64, 135–168.
→ Verdeutlicht den Zusammenhang zwischen Alltagserfahrungen, Struktur und der Entwicklung exekutiver Funktionen – entscheidend für Selbstwirksamkeit, Aufmerksamkeit und Emotionskontrolle.
3. Co-Regulation und Selbstfürsorge
Siegel, D. J., & Bryson, T. P. (2012): The Whole-Brain Child.
→ Anschauliche Erläuterung der kindlichen Gehirnentwicklung mit Fokus auf Co-Regulation als Grundlage emotionaler Sicherheit.
Schore, A. N. (2001): The effects of early relational trauma on right brain development, affect regulation, and infant mental health. Infant Mental Health Journal, 22(1–2), 201–269.
→ Frühkindliche Bindungserfahrungen prägen die Fähigkeit zur Selbstregulation nachhaltig.
4. Bindungs- und Bedürfnisorientierung
Juul, Jesper (2007): Dein kompetentes Kind.
→ Grundlage für eine gleichwürdige, nicht autoritäre Familienkultur. Strukturen sollen Orientierung bieten, keine Kontrolle.
→ Wichtig: Alltagsstruktur nicht als Zwang, sondern als Angebot für Verlässlichkeit.
Schmidt, Nicola (2020): Der Elternkompass.
→ Kombiniert bindungs- und bedürfnisorientierte Pädagogik mit praktischen Alltagshilfen. Struktur wird hier als Werkzeug der Selbstfürsorge für Eltern betrachtet.
5. Ergotherapeutische Praxis bei hochsensiblen Kindern
Bundesverband für Ergotherapie in Deutschland (DVE): Praxisleitlinien zu „Sensorischer Integrationstherapie“
→ Sensorische Spielideen zur Verbesserung der Reizverarbeitung bei hochsensiblen oder reizoffenen Kindern.
→ Empfehlenswert: Materialien mit taktiler, propriozeptiver und vestibulärer Wirkung.
W E I T E R E B E I T R Ä G E
Alltag mit Kleinkind


Hochsensibles Kleinkind: Mein Erfahrungsbericht & Alltagstipps für Struktur und Selbstfürsorge