Kinder fotografieren.
Alle Eltern tun es: Wir fotografieren unsere Kinder. Weil wir so stolz auf unsere Kleinen sind, weil wir Erinnerungen festhalten wollen. Aber Kinder zu fotografieren ist im Zeitalter der digitalen Fotografie ein gleichermaßen komplexes und kontrovers diskutiertes Thema. Denn es ist nicht mehr wie früher, als Fotos in Alben geklebt wurden und dort blieben. In unserer digitalisierten Welt ist es heute Usus, private Bilder über Social Media mit der ganzen Welt zu teilen. Doch dürfen wir das überhaupt? Dürfen wir Fotos unserer Kinder verbreiten und damit ermöglichen, dass unendlich viele Kopien angefertigt und Bildbearbeitungen vorgenommen werden? Das Thema ist so umfangreich, dass man ein Buch darüber schreiben könnte. Ich möchte nicht mit erhobenem Zeigefinger hier stehen. Auch ich fotografiere meine Tochter. Aber ich möchte Denkanstöße geben, kritisch hinterfragen und ein Bewusstsein für die Folgen inflationären Fotografierens und sorglosen Verbreitens der Bilder schaffen.
WENN ELTERN IHRE KINDER FOTOGRAFIEREN
Unsere Kinder sind heute bereits Fotomodelle, bevor sie überhaupt geboren werden. Die moderne Medizintechnik kennt bildgebende Verfahren, die weit über schwarzweiße Ultraschallbildchen, bei denen man die Körperteile eher erraten muss, hinausgehen. Das Baby kann schon im Mutterleib so gezeigt werden, als wäre es bereits auf der Welt. Und natürlich wird der Schwangerenbauch fotografisch dokumentiert. All das ist wundervoll. Diese besondere Zeit möchten wir für alle Ewigkeit festhalten. Der Preis ist jedoch oft höher, als wir zunächst denken.
Denn die digitale Fotografie ist Fluch und Segen zugleich. Fotografieren ist inflationär geworden. Es kostet ja auch nichts – nur Speicherplatz. Und was kostet Speicherplatz heutzutage schon? Nichts im Vergleich zu den analogen Fotos von früher.
Doch leider führt die Möglichkeit, jeden Moment festhalten zu können, zu dem Zwang, dies auch zu tun. Aus einer Option wurde eine Pflicht. Was nicht fotografiert wurde, fand nicht statt.
Schon im ersten Jahr wird die Anzahl der Fotos des Nachwuchses nicht selten vierstellig. Den Überblick zu behalten und sich für die kommenden Jahre ein gutes System zu überlegen, kann herausfordernd sein. Es erscheint sinnvoll, regelmäßig rigoros auszusortieren. Denn das Gros der Fotos sind Schnappschüsse, Momentaufnahmen von zweifelhafter Qualität. Anders gesagt: Fotos, die nicht gut genug wären, um den Ansprüchen zu genügen, um in Fotoalben geklebt zu werden.
Andenken sind wichtig. Fotos aus Kindertagen sind wichtig. Aber nicht dieses permanente, ziellose Fotografieren – nur, weil wir die Kamera (bzw. das Smartphone) ohnehin gerade in der Hand halten.
Wer ständig fotografiert, verpasst wichtige Momente
Je jünger unsere Kinder sind, desto häufiger suchen sie Blickkontakt zu uns. Um sich zu vergewissern, um in unseren Augen Anerkennung zu finden. Doch stattdessen schauen wir auf den Bildschirm unseres Smartphones und drücken den Auslöser. Der Moment verstreicht. Was bedeutet das für die Kinderseele? Mama und Papa haben sie nicht angesehen.
Gerade kleine Kinder verstehen das Prinzip des Fotografierens nicht und für sie ist es besonders schlimm, wenn sie ignoriert werden, wenn der gesuchte Blickkontakt unbeantwortet bleibt. Viele von uns haben das Smartphone ohnehin zu oft in der Hand, wenn sie mit ihren Kleinen zusammen sind.
Gemeinsame Erinnerungen, die nicht dokumentiert worden sind, haben für unsere Kinder einen ungleich größeren Wert – und für uns letztlich sicher auch.
Die Balance zwischen Erleben und Konservieren
Wir wollen schöne Momente festhalten, weil wir befürchten, sie sonst zu verlieren. Wir befürchten, uns ohne Stütze nicht (richtig) erinnern zu können.
Aber wir können nicht beides. Entweder sind wir voll und ganz im Augenblick; lesen eine Geschichte vor, malen gemeinsam ein Bild, fangen unser Kind auf, wenn es die Rutsche hinuntersaust, tanzen mit ihm durch das Wohnzimmer oder bewundern den ersten aus Bauklötzen errichteten Turm. Oder aber wir halten die Momente fest – aber dann können wir unser Kleines beim Rutschen nicht auffangen, nicht mit ihm oder ihr gemeinsam tanzen. Dann sehen wir auch nicht den stolzen Blick, weil der Turm aus Bauklötzen zum ersten Mal nicht umstürzt.
Doch wie kommen wir nun zu den Fotos? Zückt die Kamera absichtsvoll.
Macht beispielsweise einen Spaziergang mit dem Laufrad oder ein Picknick im Park.
Wählt einen Tag im Monat aus, an dem ihr fotografiert. Jeden Monat.
Bucht einmal im Jahr ein Familienfotoshooting – nicht im Atelier, sondern bei euch zu Hause, während ihr im Urlaub seid oder in der Natur.
Die Wirkung übermäßigen Fotografierens auf die kindliche Psyche
Babys bemerken natürlich noch nicht, wenn sie fotografiert werden. Bei Kleinkindern sieht das schon anders aus. Spätestens dann, wenn sie ihr eigenes Spiegelbild erkennen können, beginnen sie auch langsam das Prinzip des Fotografierens zu begreifen. Sie verhalten sich deswegen aber noch nicht anders.
Das ändert sich mit dem Kindergartenalter. Nun fängt das Posieren an. Kinder verhalten sich nicht mehr natürlich, sondern stellen künstlich etwas dar – für die Kamera. Welche Auswirkungen wird das auf ihre Psyche haben? Stets und ständig dazu angehalten zu sein, eine bestimmte Seite von sich zu zeigen – eine Seite, die andere sehen wollen oder die sie selbst herausstellen wollen – kann nicht ohne Konsequenzen für die Entwicklung der Persönlichkeit und der Identität bleiben.
Bedenklich und schade. Denn die Kindheit ist die einzige Zeit im Leben, in der man es sich noch leisten kann und darf, nicht vorzeigbar zu sein, nicht zu gefallen. Als Erwachsene müssen (oder wollen?) wir ständig die beste Version unseres Selbst verkaufen. Gönnen wir es unseren Kindern doch einfach, so lang wir nur möglich sie selbst zu sein. Ohne Personal Brand. Ohne Marketing.
KINDERFOTOS IN SOCIAL MEDIA
Bislang ging es erstmal nur um den reinen Vorgang des Fotografierens. Digitale Fotos sind überall und nirgends – die wenigsten schaffen es, ausgedruckt und in Alben geklebt zu werden. Das ist vielleicht auch ein bisschen altmodisch.
Stattdessen werden erschreckend viele Kinderfotos in Social Media gepostet, bei Facebook, Instagram, WhatsApp, etc. Natürlich, wir Eltern sind auf nichts und niemanden so stolz wie auf unsere Kinder. Sie sind unser Lebensmittelpunkt und wir wollen unsere Familien, Verwandte und Freund*innen daran teilhaben lassen.
Doch viele Eltern pflegen einen sorglosen Umgang mit Fotos ihrer Kinder. Sie zeigen ihre Kleinen leicht bekleidet oder gar unbekleidet im WhatsApp Status und vergessen bei allen Plattformen, sich mit den Privatsphäreeinstellungen auseinanderzusetzen und diese entsprechend anzupassen. Es ist nicht unüblich, mit zahlreichen Personen in Social Media “befreundet” zu sein, obgleich man diese kaum kennt und nur wenig Kontakt besteht.
Folgen und Gefahren von Kinderfotos im Netz
So geht die Kontrolle über gepostete Bilder und Videos rasch verloren. Diese wiederzuerlangen, ist schwierig bis unmöglich, wenn die Bilder erst einmal im Internet sind. Auch deshalb warnt der Kinderschutzbund ausdrücklich davor, Bilder von Kindern im Netz zu veröffentlichen.
Erstens können die Fotos für die Kinder peinlich sein und später zu Mobbingattacken in der Schule, Missbrauch im Umgang mit Bildmaterial und Rechtsstreitigkeiten mit den eigenen Kindern (sobald diese volljährig sind) führen. Denn eines darf nicht vergessen werden: Sobald Kinder die Volljährigkeit erreicht haben, haben sie einen Rechtsanspruch auf die Löschung ungewollter Fotos – auch gegen die eigenen Eltern.
Zweitens stellen Foto mit wenig bis keiner Kleidung eine Gefahr da. Freizügige Fotos? Übertreib mal nicht, es sind Kinder! Ja, deswegen ist es ja so schlimm: Pädophile nutzen gern ganz gewöhnliche Fotos, die Eltern sorglos gepostet haben. Auch Fotos von Babys. Bilder, die stolzen Eltern als völlig harmlos erscheinen, werden bearbeitet und in Pädophilen-Netzwerken verbreitet. Als ich über einen konkreten Fall gelesen habe, drehte sich mir der Magen um: Babyfotos auf Pädophilen-Website. Allerdings stehen Fotos von in Gänze bekleideten Kindern ebenso im Fokus Pädokrimineller.
Bilder teilen, Identität eurer Kinder schützen
1. Gesichter verbergen
Manche Eltern legen Emojis über die Gesichter ihrer Kinder, um diese unkenntlich zu machen. Je nach Bildformat kann das Gesicht allerdings wieder hergestellt werden. Wollt ihr Fotos eurer Kinder gern in Social Media posten, solltet ihr die Gesichter bereits beim Fotografieren verbergen – fotografiert eure Kinder von hinten oder gebt ihnen einen Gegenstand in die Hände, den sie vor ihre Gesicht halten. Verpixelung ist auch eine Option (je nach Bildformat).
2. Metadaten aus Bilddateien entfernen
Zudem solltet ihr unbedingt die Metadaten aus den Bildern entfernen. In den Bilddateien digitaler Fotos sind meist auch umfangreiche Zusatzinformationen gespeichert, wie Uhrzeit der Aufnahme, GPS-Daten (für die genaue Ortsangabe), Kameraeinstellungen usw. Diese Metadaten lassen Rückschlüsse auf die eigenen Lebensgewohnheiten zu. Geraten sie in die falschen Hände, ist das fatal.
Auch aussagekräftige Beschreibungen oder Schlagworte, die ihr vergebt, um eure Fotos zu kategorisieren und später besser wiederzufinden, zählen zu den Metadaten.
In Deutschland löschen soziale Netzwerke die Metadaten beim Upload – allerdings kann es dennoch sein, dass sie die Daten zuvor speichern und analysieren. Wer sichergehen will, löscht deshalb die Metadaten selbst im Vorfeld.
3. Auf Nummer Sicher
Wollt ihr noch einen Schritt weiter gehen, könnt ihr eure Kinder auch nur ausschnitthaft zeigen. So, dass sie nicht ganz im Bild sind – entweder weil das Bild angeschnitten ist oder weil sie durch einen Gegenstand im Bild teilweise verborgen werden. In dem Foto weiter oben trägt meine Tochter eine Jacke, wodurch die Konturen ihres Körpers nicht erkennbar sind.
Wenn ihr in Social Media vom Leben eurer Kinder berichten wollt, müsst ihr sie gar nicht zeigen. Stattdessen könnt ihr beispielsweise zeigen, was ihr gemeinsam macht, womit ihr euch beschäftigt.
Was ihr beim Posten von Kinderfotos in Social Media beachten solltet
Verwendet nur Fotos, auf denen eure Kinder ganz bekleidet sind.
Gebt keine Hinweise auf Namen oder Wohnort (Wohnhaus von außen nicht zeigen, Namen nicht im Text erwähnen).
Deaktiviert den Zugriff auf Ortsbestimmungen beim Smartphone oder entfernt die Metadaten der Bilder.
Verwendet private Profile auf den Social Media Plattformen und schützt dieses durch die Zweifaktor-Authentifizierung.
Bezieht eure Kinder so früh wie möglich in die Auswahl der Fotos ein – ab 14 Jahren ist das Einverständnis eurer Kinder zwingend erforderlich.
Kinder haben ein Recht am eigenen Bild
Unabhängig davon, wer Fotos von Kindern anfertigt oder diese im Netz veröffentlicht sollte sich darüber im Klaren sein, dass auch Kinder bereits ein Recht am eigenen Bid haben. Wie übrigens wir alle.
Dieses Recht ist im Kunsturhebergesetz geregelt. Es besagt, dass Fotos und Videos grundsätzlich nur mit Einwilligung der abgebildeten Person verbreitet oder öffentlich zur Schau gestellt werden dürfen.
Dann gibt es noch die Datenschutzgrundverordnung (DSGVO), mit der man im Alltag häufig in Berührung kommt. Diese besagt, dass eine Einwilligung in die Verarbeitung personenbezogener Daten stets erforderlich ist. Allerdings gilt die DSGVO nicht, wenn persönliche Fotos in Social Media von privaten Profilen oder in privaten Gruppen gepostet werden. In diesen Fällen ist das KUG anzuwenden, wonach eine Einwilligung grundsätzlich erforderlich ist.
Ausnahmen vom Einwilligungserfordernis
Bildnisse aus dem Bereiche der Zeitgeschichte;
Bilder, auf denen die Personen nur als Beiwerk neben einer Landschaft oder sonstigen Örtlichkeit erscheinen;
Bilder von Versammlungen, Aufzügen und ähnlichen Vorgängen, an denen die dargestellten Personen teilgenommen haben;
Bildnisse, die nicht auf Bestellung angefertigt sind, sofern die Verbreitung oder Schaustellung einem höheren Interesse der Kunst dient.
In den oben genannten Fällen kann eine Einwilligung der gesetzlichen Vertreter*innen entbehrlich sein. Allerdings gibt es eine Ausnahme von den Ausnahmen: Liegt ein berechtigtes Interesse vor, das eigene Abbild nicht zu verbreiten, kann eine solche Verbreitung verhindert werden. Da Kinder besonders schutzbedürftig sind, wird dieses berechtigte Interesse bei ihnen weitaus häufiger angenommen als bei Erwachsenen. Die Rechtsprechung besagt, dass Kinder durch die Verbreitung ihrer Fotos besonders in ihrer Persönlichkeitsentfaltung gestört werden.
Bis zu einem Alter von 7 Jahren müssen stets die Sorgeberechtigten (und zwar beide Elternteile, sofern beide sorgeberechtigt sind!) der Verbreitung von Kinderbildern zustimmen. Danach haben Kinder – abhängig vom Einzelfall und der individuellen geistigen Reife – ein Vetorecht, über das sich die Eltern nicht hinwegsetzen dürfen.
Das Risiko liegt jedoch letztlich immer bei jenen, die die Bilder verbreiten. Im Zweifel ist es sicherer, neben der Einwilligung der Eltern zusätzlich die des Kindes einzuholen.

