Wenn der Trost die Erfahrung übergeht. Toxische Positivität und Mutterschaft: über gut gemeinten Rat, der die eigene Wahrnehmung kleinmacht

Inhalt: was im freundlich gemeinten Trost geschieht, wenn er die eigene Erfahrung übergeht // die drei Bewegungen des Übergehens — Relativierung, Verlagerung, Kopplung an das Kind // warum positives Denken und das Übergehen einer Erfahrung nicht dasselbe sind // wann aus dem Festhalten an der eigenen Wahrnehmung ein Satz wird, den man sagen kann.

Maiglöckchen unter Glasglocke als Symbol für toxische Positivität in der Mutterschaft

Manche Erfahrung verliert an Gewicht, kaum dass sie ausgesprochen ist — nicht durch Widerspruch, sondern durch einen Trost, der sie übergeht. Über das, was zwischen gutem Willen und fehlendem Halt geschieht.

Es gibt ein Gespräch, das sich wiederholt. Nicht wörtlich, aber in seiner Bewegung. Ich erzähle einer Vertrauten von etwas, das nicht gut gelaufen ist — einer schweren Stunde, einem Tag, der sich nicht fügen wollte, einer Überforderung, für die es keinen dramatischen Anlass gab und die gerade deshalb schwer zu benennen ist. Und noch während ich spreche, geschieht etwas mit dem Erzählten. Es wird kleiner. Nicht in der eigenen Wahrnehmung — dort bleibt es, was es war. Aber im Raum zwischen zwei Menschen — zwischen ihr und mir — verliert es an Gewicht, fast in dem Moment, in dem es ausgesprochen wird.

Die Antwort kommt freundlich. Sie kommt sogar aus Zuneigung. Das ist völlig normal. Das kennt jede. Das renkt sich ein. Und dann, etwas später, die Wendung, die alles zusammenzieht: Es liegt viel an der Einstellung. Wer das Positive sieht, überträgt es auf das eigene Kind — und dann reagiert nicht nur man selbst anders, sondern auch das Kind. Außerdem: Alles gut; so schlimm war es sicher nicht.

Es ist nichts Böses an diesen Sätzen. Das macht sie so schwer zu fassen.

Diese Sätze stellen mich vor ein eigentümliches Problem. Der Widerspruch, der sich in mir regt, lässt sich schlecht aussprechen, ohne undankbar zu wirken. Schließlich war es gut gemeint. Schließlich wollte das Gegenüber helfen. Und doch bleibt etwas zurück — keine Erleichterung; eine leise Irritation, Traurigkeit gar, weil meine eigene Erwartungshaltung an das Gespräch eine andere war und ein Unverständnis darüber, dass die eigene Erfahrung, kaum geteilt, nicht wahr zu sein scheint.

Es lohnt sich, genauer hinzusehen, was in diesem freundlichen Trost eigentlich passiert. Denn er vollzieht, fast unbemerkt, drei Bewegungen — und jede einzelne entfernt sich ein Stück weiter von dem, was erzählt wurde.

Die erste ist die Relativierung. Mit zwei Kindern hätte ich noch ganz andere Dinge zu tun. Die Erfahrung wird an einer fremden Skala gemessen — an einem Mengengerüst, das ihre Beschaffenheit gar nicht erreicht. Als ließe sich das Gewicht einer Stunde an der Zahl der Kinder ablesen, die in ihr unterzubringen waren. Schwere wird hier komparativ verhandelt, nicht in dem, was sie ist. Doch eine Erfahrung wird nicht leichter dadurch, dass anderswo eine vermeintlich schwerere existiert. Sie wird nur ungehört.

Die zweite Bewegung verlagert die Ursache nach innen. Es läge an meiner Einstellung. Was eben noch eine Situation war — anstrengend, unübersichtlich, vielleicht strukturell schwierig —, wird in ein Defizit der Erzählenden übersetzt. Nicht die Umstände waren schwer, sondern die Haltung zu ihnen war falsch. Das ist die feinste der drei Bewegungen, weil sie sich als Ermutigung tarnt und doch eine Verschiebung der Verantwortung ist: Wer leidet, hat schlicht noch nicht richtig geschaut.

Die dritte Bewegung koppelt das Ganze an das Kind. Wer positiv ist, überträgt das — dann funktioniert auch das Kind besser. Hier verbindet sich der Appell zur guten Stimmung mit einem Versprechen, das auf das Kind zielt. Die eigene innere Verfassung wird zum Instrument der kindlichen Regulation. Und damit bekommt das Gefühl, das gerade noch einfach da war, eine Aufgabe: Es soll sich bessern, nicht um seinetwillen, sondern weil ein anderer davon abhängt. Was als Trost begann, ist nun eine leise Pflicht.

An dieser Stelle drängt sich ein Begriff auf, der seit einigen Jahren durch die Diskurse wandert: toxische Positivität. Er ist griffig, er ist verbreitet, und er hat den Beigeschmack alles Griffigen — den Verdacht, mehr Etikett als Erkenntnis zu sein. Ein Wort, das man schnell zur Hand hat, um wegzusortieren, was unbequem ist. Wer jeden gut gemeinten Rat damit abstempelt, macht es sich zu leicht und fällt am Ende in dieselbe Grube: Das Zuhören wird vergessen.

Und doch wäre es ein Fehler, den Begriff nur deshalb beiseitezulegen, weil er abgenutzt ist. Hinter ihm steht etwas Reales.

Was toxische Positivität beschreibt, ist nicht das Positive an sich. Es ist die Erwartung, dass das Positive das Einzige sein soll, was sich zeigen darf. Eine Haltung, die das Schwere nicht etwa bekämpft, sondern es gar nicht erst zur Sprache kommen lässt — die jede Regung, die nicht aufwärtsweist, als Versäumnis behandelt. Das ist der Kern, der unter dem Schlagwort liegt: nicht zu viel Freundlichkeit, sondern eine Freundlichkeit, die keine andere Empfindung neben sich duldet.

Und hier zeigt sich der Unterschied, auf den es ankommt — und der im freundlichen Gespräch so leicht verschwimmt.

Positives Denken und das Übergehen einer Erfahrung sind nicht dasselbe. Sie werden nur ständig verwechselt.

Positives Denken, im belastbaren Sinn, setzt voraus, dass die Erfahrung zuerst da sein darf. Dass man sie hat, bevor man sie wendet. Es nimmt das Schwere als Ausgangspunkt und sucht, von dort aus, einen Weg — es überspringt das Schwere nicht, es geht hindurch. Der übergehende Trost dagegen verlangt, dass das Schwere gar nicht erst Gewicht bekommt. Er beginnt nicht bei der Erfahrung, sondern an ihrer Stelle. Er bietet das Ergebnis einer Verarbeitung an, die nie stattgefunden hat, und nennt es Hilfe.

Der Unterschied ist nicht graduell. Er ist grundsätzlich. Das eine arbeitet mit der Wahrnehmung, das andere gegen sie.

Damit verschiebt sich, worin das Verletzende eigentlich liegt. Es liegt nicht im Rat. Ein Ratschlag, der nicht passt, ist für sich genommen harmlos — man kann ihn beiseitelegen, man kann ihm widersprechen, man kann ihn vergessen. Das Schwierige ist etwas anderes.

Man teilt eine Erfahrung nicht immer, um eine Lösung zu bekommen. Man teilt sie auch, damit sie einen Ort hat. Damit sie, einmal ausgesprochen, von jemandem gehalten wird — nicht bearbeitet, nicht korrigiert, nur für einen Moment als wahr genommen. Und genau das findet nicht statt, wenn die Antwort sofort relativiert, verlagert, an einen Zweck bindet. Die Erfahrung wird dann nicht abgelehnt — Ablehnung wäre eine Form der Anerkennung, sie würde das Gesagte ernst genug nehmen, um zu widersprechen. Sie wird überspielt, übergangen, als bedeutungslos behandelt, oder, schlimmer noch, als normal — als etwas, das keiner Erwähnung wert war.

Das ist die eigentliche Bewegung: nicht dass jemand eine andere Meinung hat, sondern dass die eigene Wahrnehmung im Moment des Teilens keinen Halt findet. Man spricht, und das Gesprochene fällt ins Leere.

Es ist möglich, dass die Vertraute selbst nichts davon bemerkt. Dass sie, im Gegenteil, überzeugt ist, etwas Gutes getan zu haben. Denn die drei Bewegungen — relativieren, verlagern, an das Kind koppeln — sind keine persönlichen Eigenheiten. Sie sind ein kulturelles Skript, eines, das tief sitzt und das durch viele Münder gesprochen wurde, lange bevor jemand sich entscheidet, es zu wiederholen. Es ist die Grammatik einer Gesellschaft, die das Schwere ungern stehen lässt, die für Erschöpfung schnell eine Zuständigkeit sucht und sie am liebsten bei dem findet, der erschöpft ist. Wer so antwortet, ist nicht lieblos, sondern greift im Moment der Unsicherheit nach dem Nächstliegenden — aber das Nächstliegende ist nicht unbedingt das, was trägt, was gebraucht wird.

Was bleibt, ist kein Rezept für das nächste Gespräch. Aber auch keine Resignation. Denn das Skript, so tief es sitzt, ist nicht dasselbe wie der Mensch, der es spricht. Das zeigt sich in jenen Momenten, in denen das Übergehen ausbleibt — wenn eine Situation als das benannt wird, was sie ist, schwer zu ertragen und nicht schönzureden, und das Gegenüber nicht relativiert, sondern zustimmt. Auch das habe ich erlebt. Dieselbe Vertraute, durch die eben noch das Skript sprach, hielt die Erfahrung, als ich sie ihr unmissverständlich hingehalten habe, zeigte Empathie und schenkte mir den Trost, der in diesem Augenblick eine Wohltat war. Ich fühlte mich gehört und gesehen und der Vertrauten tief verbunden.

Damit wird etwas denkbar, das vorher wie eine Zumutung wirkte: zu sagen, was der freundliche Trost auslöst. Nicht als Vorwurf — der Vorwurf würde unterstellen, was nicht stimmt, nämlich böse Absicht —, sondern als Mitteilung einer Wahrnehmung an eine Person, von der man weiß, dass sie nicht verletzen will. Bei einer Freundschaft, die lange genug trägt, ist das keine Konfrontation. Es ist eher die Erweiterung dessen, was zwischen zwei Menschen gesagt werden kann.

Ob man es tut, bleibt offen — und es muss offenbleiben. Denn die Unterscheidung selbst ist schon die eigentliche Arbeit: im Moment, in dem die eigene Erfahrung freundlich kleingemacht wird, zu erkennen, was geschieht, und die Wahrnehmung nicht preiszugeben, nur weil sie nicht sofort einen Widerhall findet.

Eine Erfahrung gilt nicht erst, wenn ein anderer sie bestätigt. Sie galt schon vorher.

Diese Ambivalenzen können und müssen nicht aufgelöst werden: das Schwere und die Zuneigung der Vertrauten, der gute Wille des Trosts und das Wissen, dass er gelegentlich nicht trifft.

Manchmal ist das Festhalten an der eigenen Wahrnehmung, gegen den sanften Sog der Relativierung, schon die ganze Bewegung. Und manchmal, bei denen, die nah genug sind, wird daraus ein Satz, den man sagen kann.

 

V E R W A N D T E T E X T E

Zurück
Zurück

Warten, bis es zählt. Mehr Kinder, mehr Erfahrung?

Weiter
Weiter

Schwangerschaft — das Leben als Warteraum?