Schwangerschaft — das Leben als Warteraum?
Inhalt: wie Schwangerschaft den Warteraum-Modus des Lebens besonders sichtbar macht // warum die Ambivalenz aus Hierbleiben und Weiterwollen keine Schwäche ist, sondern die Struktur der Phase // was das Zählen von Wochen und Meilensteinen für die eigene Gegenwärtigkeit bedeutet // warum das Leben auch dort passiert, wo der Blick schon weiter ist.
Den aktuellen Moment als Warteraum zu erleben, innerlich schon beim nächsten: dieses Muster zieht sich durch viele Phasen des Lebens. In der Schwangerschaft wird es besonders deutlich — und besonders unauflöslich.
Nie zuvor wie seit meiner Schwangerschaft ist mir aufgefallen, wie schwierig es sein kann, im Augenblick zu leben. Und genau das habe ich mir seither noch mehr zur Aufgabe gemacht.
Wer sich ein Kind wünscht, wartet darauf, dass durch eine Schwangerschaft ein neuer Lebensabschnitt beginnt. Wer keine einfache Schwangerschaft hat, wartet dann möglicherweise darauf, dass sie bald vorbei ist. Wer ein Neugeborenes im Arm hält, wartet vielleicht darauf, dass es mit dem Stillen besser klappt, Geburtsverletzungen heilen, der Wochenfluss endet, der eigene Körper sich wieder vertraut anfühlt, die Schlafphasen länger dauern, die Koliken vorübergehen, das kleine Wunder das Krabbeln, Laufen, Sprechen erlernt, die Eingewöhnung in den Kindergarten endlich vorbei ist und natürlich diese eine, schwierige Phase. Aber schon ist es kein Neugeborenes mehr, sondern ein Baby, ein Kleinkind, ein Schulkind — ein erwachsener Mensch, der von zu Hause auszieht.
Wann ist das passiert? Wo sind die Jahre nur hin? Wer die meisten Phasen seines Lebens innerlich schon beim nächsten Abschnitt verbringt, hält die Gegenwart für einen Warteraum. Der Feierabend vergeht mit Gedanken an den nächsten Morgen, der Urlaub mit Gedanken an die Rückreise.
Es gibt dieses Zitat „Manche Menschen warten die ganze Woche auf den Freitag, das ganze Jahr auf den Sommer und ihr ganzes Leben auf ihr Glück.“ Und in all dem Warten verpassen sie es, zu leben.
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Ich war wirklich gerne schwanger — eine privilegierte Erfahrung, für die ich unendlich dankbar bin. Aber dennoch erlebte auch ich diese unauflösliche Ambivalenz.
Eine Schwangerschaft besteht zu großen Teilen aus Zählen. Wochen, Untersuchungstermine, Bewegungsmuster.
Es ging mir gut und meinem Baby auch. Dennoch war ich um jede Woche, die verging, froh. Etwa, weil sich das Verhältnis von Körpergröße und Gewicht entwickelte, mein Kind (endlich) außerhalb des Mutterleibs lebensfähig wäre und besonders gegen Ende, ab welchem Zeitpunkt es keine Frühgeburt mehr wäre. Diese Skala ist nicht erfunden und nicht überflüssig. Jede dieser Wochen bedeutet etwas Konkretes für die Sicherheit eines Lebens.
Doch es führt gelegentlich dazu, dass der Blick immer weiter wandert und nicht dort verweilt, was gerade geschieht, wo das Leben passiert. Ständig musste ich mich daran erinnern, im Moment zu bleiben, diesen bewusst zu erleben und dankbar dafür zu sein, statt immer nach vorne zu schauen.
Schwangere leben in einer eigenartigen Konstellation. Auf der einen Seite: ein Zustand, der oft als kostbar erfahren wird; der eigene Körper, der etwas Außerordentliches leistet; eine Phase, die nicht wiederholbar ist, jedenfalls nicht so. Auf der anderen Seite: die ehrliche Hoffnung, dass jede einzelne Woche vergeht, weil das Kind dann wieder ein bisschen stärker ist, ein bestimmter kritischer Punkt überschritten, bestimmte Untersuchungen noch ausstehen oder der Schlaf schwerer geworden ist.
Diese zwei Seiten stehen nicht im Widerspruch. Sie sind beide Teil der Erfahrung und haben ihre Berechtigung. Wer das eine fühlt, fühlt fast immer auch das andere — manchmal in derselben Stunde.
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Kann man eine Schwangerschaft richtig genießen oder falsch wegwünschen? Zwei legitime Bewegungen — das Hierbleiben und das Weiterwollen — finden gleichzeitig statt. Arbeiten jene, die sich vornehmen, „ganz im Moment zu sein", gegen die eine Hälfte ihrer eigenen Wahrnehmung an? Übersehen jene, die hauptsächlich auf etwas warten, die andere Hälfte?
Was liegt dazwischen? Ein Mittelweg oder ein eigener Zustand ohne fertige Sprache? Ein Zustand, der während der Wartezeit eigentlich geschieht?
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Ich lebe jetzt und ich will mir das Jetzt nicht hinfort wünschen — denn es ist alles, was ich habe. Ich will keinen Zustand, keine Phase überspringen — auch nicht, wenn es gerade schwierig ist. Mein Leben ist kein Warteraum, es ist nicht woanders, sondern hier.
Natürlich ist der Blick in die Zukunft wichtig, um sich Ziele zu setzen und dem Leben eine Richtung zu geben. Aber viel mehr sollte es aus meiner Sicht nicht sein.
„Das Gestern ist Geschichte, das Morgen nur Gerüchte, doch das Heute ist die Gegenwart und die zu erleben ist ein Geschenk!“ — Master Oogway (Kung Fu Panda)
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Schwangerschaften enden, wenn sie enden. Nicht alle nehmen den Verlauf, den die Frau sich gewünscht hat. Was während der Wochen dazwischen geschieht, geschieht in jedem Fall — auch dann, wenn der Blick schon weiter ist. Nicht ausschließlich. Nicht romantisch. Manchmal kaum spürbar.
Aber es geschieht.
Anstoß zu diesem Essay: ein Beitrag von @minneandme:https://www.instagram.com/p/DYG5QwRDIZp/?img_index=1
V E R W A N D T E T E X T E


Fast alle Worte, die für Mutterschaft und Identität kursieren, sind so gebaut: Sie setzen voraus, dass etwas verloren geht. Was tatsächlich passiert, liegt noch vor der Sprache.