Warten, bis es zählt. Mehr Kinder, mehr Erfahrung?
Inhalt: warum die Kinderzahl überall als Ausweis auftritt // was Wiederholung wirklich lehrt — und wo ihre Grenze liegt // warum Erfahrung sich nicht zu einer Menge summiert // wozu die Skala dient, wenn sie nicht misst // warum der Horizont der Gültigkeit immer zurückweicht.
Die Zahl der Kinder gilt als Ausweis: Wer mehr hat, spricht mit mehr Recht. Doch was die Wiederholung lehrt, ist nicht dasselbe wie das, was im Vergleich verletzt — und der Maßstab, an dem gemessen wird, kommt nie zur Ruhe.
Es gibt eine Auskunft, die selten fehlt, wenn über Mutterschaft gesprochen wird: die Zahl der Kinder. Sie steht in den Profilen in den Sozialen Medien, in denen Rat erteilt wird — die Fünffach-Mama, deren Tipps dadurch Gewicht bekommen sollen, dass sie eben fünf Kinder hat. Sie fällt im Gespräch, beiläufig und fast unmerklich: Ich habe drei, du eines. Sie wird genannt, bevor irgendetwas gesagt ist, und scheint doch schon alles zu sagen.
Die Zahl tritt auf wie ein Ausweis. Wer mehr vorzuweisen hat, spricht mit mehr Recht — so die stille Übereinkunft. Es lohnt sich, ihr nachzugehen, denn etwas Plausibles steckt darin. Mehr Kinder, das heißt: mehr Fälle, mehr Wiederholung, mehr Übung. Und Übung bringt, das wissen wir aus fast allen Bereichen des Lebens, Können hervor.
Wer die Zahl ins Feld führt, tut das selten aus Überheblichkeit. Es ist kein persönlicher Zug, sondern eine eingespielte Bewegung, eine Art, sich im Gespräch zu verorten, die durch viele hindurchspricht, lange bevor jemand sie für sich wiederholt.
Gerade deshalb ist die Frage interessant, was eine Zahl eigentlich zum Argument macht.
In einer Hinsicht lehrt sie tatsächlich. Es gibt eine Dimension der Mutterschaft, die praktisch ist, organisatorisch, repetitiv — und in ihr bringt jede Wiederholung etwas hervor. Wer viele Aufbrüche bewältigt hat, viele Schlafenszeiten, viele Geburtstagstische gedeckt, weiß Dinge, die sich nicht abkürzen lassen: in welcher Reihenfolge die Handgriffe gehen, was man vergisst, wenn es eilig wird, wie viel Puffer ein Morgen braucht. Diese Kompetenz ist echt. Sie wegzuwischen wäre unredlich.
Aber sie hat eine Grenze, die dort verläuft, wo sie am wenigsten auffällt. Das Geübte ist das Übertragbare — der Ablauf, der Handgriff, die Logistik mehrerer kleiner Menschen an einem einzigen Morgen. Es lässt sich vom einen Kind auf das nächste übertragen, eben weil es nicht an einem einzelnen Kind hängt. Und genau deshalb reicht es nicht in jene Dimension, um die es geht, wenn der Vergleich verletzt. Wo von einer schweren Stunde erzählt wird, ist nicht die Logistik gemeint.
Man wird geübter im Organisieren — aber nicht in einer einzelnen Beziehung.
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Denn sobald es um dieses eine Kind, das kein zweites Mal vorkommt, geht und um die Tage mit diesem, fällt die Rechnung auseinander. Was ein Kind braucht, lässt sich aus der Zahl nicht ablesen. Kinder sind verschieden in dem, was sie suchen; die Haltungen, mit denen sie begleitet werden, sind verschieden; die Umstände, unter denen das geschieht, sind es auch. Dieselbe Zahl kann zwei vollkommen verschiedene Leben bedeuten. Zwei können leichter sein als eines, vier weniger fordernd als drei — je nachdem, wer diese Kinder sind, wer ihre Eltern und wie gelebt wird.
Daher rührt auch die eigentümliche Logik eines Rates, der auch gegeben wird: man möge doch ein weiteres Kind bekommen, mit dem zweiten sei es leichter geworden. Was der einen widerfuhr, wird zum Versprechen für die andere — als ließe sich ein einzelner, zufälliger Verlauf in ein Gesetz übertragen. Dabei bleibt nichts gleich: nicht das Kind, nicht die Mutter, nicht das Leben ringsum.
Die Skala unterstellt, es gäbe so etwas wie eine Menge an Mutterschaft — etwas, das sich aufsummiert und an dessen Höhe sich ablesen ließe, wer mehr erlebt, mehr geleistet, mehr verstanden hat. Aber diese Einheit existiert nicht. Erfahrung summiert sich hier nicht zu einem übertragbaren Urteil. Jede Beziehung zu einem Kind ist einzeln — kein weiterer Fall desselben Typs, sondern etwas, das von vorn beginnt.
Verglichen wird nicht Erfahrung, sondern Menge. Und Menge ist hier kein Maß.
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Wenn die Zahl aber nicht misst, was sie zu messen vorgibt — was tut sie dann? Sie ordnet. Sie stellt ein Verhältnis her, ein Oben und Unten, und in diesem Verhältnis bekommt jede ihren Platz. Es geht, unter der Oberfläche des guten Rates, um Rang. Man spürt es an dem leisen Drang, der mitschwingt: zeigen zu müssen, dass man selbst mehr trägt als die andere, mehr stemmt, mehr aushält.
Und dieser Rang kommt nie zur Ruhe, weil die Skala kein Ende hat. Sie schickt alle ins Warten. Die noch nicht schwanger sind, sollen warten, bis sie es sind — dann werde es ernst. Die Schwangeren sollen warten, bis das Kind da ist — dann beginne es wirklich. Die mit einem Kind sollen warten, bis es mehrere sind — dann erst wisse man, was Arbeit heißt. Die mit einem Baby, bis die Kleinkindphase kommt; die mit kleinen Kindern, bis die Pubertät da ist. Auf jeder Stufe steht jemand und sagt: Warte ab, das hier zählt noch nicht.
Es gibt keine Stufe, auf der man endlich genug erlebt hat. Der Horizont weicht mit jedem Schritt zurück.
Das ist die Pointe und zugleich das Tröstliche an der Beobachtung: Die Skala fängt alle. Auch die mit der höchsten Zahl stehen nicht oben, sondern werden weitervertröstet — auf das nächste Alter, die nächste Schwierigkeit, die nächste Stufe, auf der angeblich erst beginnt, was zählt. Es ist nicht die Klage der einen gegen die anderen. Keine entkommt dem Maßstab, indem sie mehr vorzuweisen hat. Der Aufschub steigt einfach mit ihr.
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Was folgt daraus? Die naheliegende Versuchung — zu beweisen, dass das eigene Erleben in Wahrheit das Schwerere sei — wäre nur ein Zug im selben Spiel. Das wäre ein Betreten der Skala von der anderen Seite und damit eine Bestätigung. Wer sich auf den Vergleich einlässt, um ihn zu gewinnen, hat ihn angenommen.
Das Andere wäre, die Maßeinheit nicht mehr gelten zu lassen. Das Erleben, ein bestimmtes Kind großzuziehen, ist keine Menge. Es wird nicht dadurch wahr, dass es ein anderes Erleben überragt, und es wird nicht kleiner, wenn jemand mehr vorzuweisen hat. Es war wahr, bevor irgendeine Zahl daneben stand.
Beides darf nebeneinander stehen, ohne sich aufzulösen: dass die Zahl echtes Wissen tragen kann — die geübten Handgriffe, die Routine des Vielfachen — und dass sie trotzdem nichts darüber sagt, wessen Tage schwerer wiegen. Das eine widerlegt das andere nicht.
Für diese Orientierung an den anderen gibt es einen Namen. Martin Heidegger beschreibt in Sein und Zeit das Man — jene anonyme Instanz aus Jedermann und Niemand, an deren Maßstäben wir uns ausrichten, ohne sie je gewählt zu haben. Das Man hat immer schon entschieden, was zählt und was noch nichts ist; es ist die Stimme, die warte ab sagt. Das Eigentliche, schreibt Heidegger, beginnt erst dort, wo der Einzelne aufhört, sich an ihr zu messen.
Vielleicht beginnt das Eigene dort, wo wir aufhören zu fragen, wie es sich gegen das Leben anderer verhält.
V E R W A N D T E T E X T E


Fast alle Worte, die für Mutterschaft und Identität kursieren, sind so gebaut: Sie setzen voraus, dass etwas verloren geht. Was tatsächlich passiert, liegt noch vor der Sprache.