MARGINALIEN — Ausgabe 2, September 2026
DIE MINIATURZwei Häuser weiter
An einem Nachmittag im August sitzen wir im Schatten einer Blautanne. Keine Wolke ist zu sehen, die Luft fühlt sich heiß an, ein leichter Windhauch spielt mit dem Saum meines Kleides.
Erwachsene schwatzen, Kinder lachen, Besteck klappert auf Geschirr, ein Kofferradio läuft. Eine streunende Katze verlangt nach Streichelei. Sie wälzt sich auf der ausgedörrten Erde und im Nu ist ihr Fell nicht mehr weiß, sondern hellbraun.
Ein Kind fällt hin und weint: „Na, das hat er jetzt davon.“ „Wollte ja nicht hören.“ „Ist doch nicht so schlimm.“
An diesem Ort wird eine Sprache gesprochen, die nicht meine ist.
Ich trinke Limonade, mein Kind möchte zum Pool irgendwo zwei Häuser weiter. Unterwegs treffen wir die Katze wieder. Sie flieht gerade vor einem einäugigen Artgenossen. Die anderen Kinder kommen uns entgegen, tippeln kichernd über den Asphalt zurück. Ihre nassen Fußabdrücke weisen uns den Weg.
Weitläufig und still ist der Garten. Es ist fast Abend. Der Pool liegt im langen Schatten einer hohen Hecke. 29 Grad Wassertemperatur, so informiert das Thermometer mit einem grimmig dreinblickenden roten Monsterchen. Wasserspielzeug ist rundum verstreut. Wir benötigen alles, natürlich. Zwei Boote, eines kentert unablässig, hat aber zwei Kräne.
Irgendwann hole ich mir einen Stuhl von der Terrasse. Dicht am Rand des Pools sitze ich, betrachte den weiten Himmel und mein weißes Sommerkleid — ich entdecke keinen einzigen Fleck. Faszinierend.
Jemand ruft uns durch die Hecke hindurch zum Abendessen. Später. Das Thermometer-Monsterchen muss noch ärztlich untersucht werden.
AUS DEM ARCHIVWenn der Trost die Erfahrung übergeht. Toxische Positivität und Mutterschaft
Gut gemeinter Trost kann eine Erfahrung kleinmachen, ohne es zu wollen — über den feinen Unterschied zwischen positivem Denken und dem Übergehen einer Erfahrung.
DAS FUNDSTÜCKSchwäbischer Kartoffelsalat
Wunderbar zu einem Spätsommertag passt Kartoffelsalat. Kein beliebiger, sondern ein schwäbischer. In einem Kochbuch, das älter ist als ich, steht das Rezept — Kulinarische Streifzüge durch Schwaben, Sigloch Edition, Künzelsau 1979.
Acht mittelgroße Salatkartoffeln, eine Zwiebel. Öl, Essig und Brühe sind nicht beziffert.
Das Rezept kenne ich schon ewig — und eine, die es beherrschte wie keine zweite. Obgleich wir den Salat oft genug gemeinsam zubereiteten und sie obendrein das Kochbuch an mich weitergab, gelingt das Gericht mir nie so wie ihr.
Im Buch steht eine Beschreibung, die Können unterstellt: „Der Salat muß schön feucht sein.“

