Kindersitz im Wohnmobil in Kanada: Das müsst ihr vor eurem Kanada Roadtrip mit Kindern wissen

Ein Baby, Kleinkind oder Kind sicher im Wohnmobil anzuschnallen und zu transportieren ist in Nordamerika eine enorme Herausforderung. Das Thema Kindersitz im Wohnmobil in Kanada oder USA ist komplex. Ob ein Roadtrip mit Kind im Wohnmobil hier überhaupt durchführbar ist, hängt primär vom individuellen Sicherheitsbedürfnis der Eltern ab. Es geht darum, eine Balance zu finden zwischen Dreierlei: was zulässig ist, was möglich ist und was mit gesundem Menschenverstand vertretbar ist. Klingt abenteuerlich und mysteriös? Das war es für uns auch. Im Folgenden teile ich unsere (negativen) Erfahrungen und hoffe, dass ihr dadurch für euren eigenen Kanada Roadtrip mit Kind besser vorbereitet seid.

 

WELCHER KINDERSITZ KANN IM WOHNMOBIL IN KANADA GENUTZT WERDEN?


Schon in der ersten Planungsphase unseres Kanada Roadtrips mit Kind und Wohnmobil stellten wir uns die Frage, wie wir unsere Kleine (bei Reiseantritt war sie 12 Monate und drei Wochen alt) sicher transportieren würden.

EIGENEN KINDERSITZ MITBRINGEN?

Zunächst wollten wir unseren eigenen Kindersitz (bzw. Babyschale) nach Kanada mitnehmen. Diese Überlegung birgt allerdings viele Unsicherheiten.

  1. Das Problem der Zulassung: Es ist fraglich, ob euer europäischer Kindersitz überhaupt in Kanada oder in den USA zugelassen ist und wie ihr dies verlässlich überprüfen könnt. Sicher dagegen ist, dass es das ISOFIX-System, welches in Europa Standard ist, in Nordamerika nicht gibt. Das heißt im Klartext: In Fahrzeugen, die in Kanada oder in den USA zugelassen worden sind, fehlen die beiden Haltebügel, in welche die Rastarme des Kindersitzes zur sicheren Befestigung verhakt werden.

  2. Konsequenzen im Ernstfall: Solltet ihr euren europäischen, nicht in Nordamerika zugelassenen Kindersitz mit Gurt befestigen und doch verwenden, kann dies im schlimmsten Fall – bei einem Unfall – dazu führen, dass ihr zu all den anderen Problemen, die ein Unfall nach sich zieht, auch noch euren Versicherungsschutz verliert.

  3. Außerdem stellt sich die Frage des Transports im Flugzeug: Aufgabegepäckstücke erfahren nur selten eine sanfte Behandlung. Die Vorstellung, dass ein so sicherheitsrelevantes Objekt wie ein Kindersitz vom Gepäckbeförderungsband fällt, ist mehr als unerfreulich. Einige Kindersitze sind dafür zugelassen, auf einem Sitzplatz im Flugzeug befestigt zu werden, in dem das Kind dann während des Flugs angeschnallt wird. Dies ist meist gekennzeichnet durch einen Aufkleber mit einem Flugzeugsymbol. Allerdings unterscheiden sich die Richtlinien der einzelnen Fluggesellschaften sehr und es kann sein, dass ihr euren für Flugzeuge zugelassenen Kindersitz trotzdem nicht verwenden dürft. Informiert euch im Vorfeld! Wir hatten einmal einen Flug über Lufthansa gebucht, durchgeführt wurde dieser aber von Air Canada. In diesem Fall galten dann nicht die Richtlinien von Lufthansa, sondern von Air Canada, die sich massiv unterscheiden.

Wollt ihr dennoch euren eigenen Kindersitz mitnehmen, ist es auch in Deutschland möglich, ein amerikanisches Modell mit entsprechender Zulassung zu erwerben. Allerdings werdet ihr keinen fabrikneuen Kindersitz bekommen, da diese nicht nach Europa verkauft werden. Stattdessen könnt ihr einen gebrauchten amerikanischen Kindersitz von Privat kaufen, etwa über Kleinanzeigen oder Facebook Marketplace.

 

KINDERSITZ VOR ORT KAUFEN?

Natürlich könnt ihr einen amerikanischen Kindersitz auch vor Ort kaufen. Dies wird erforderlich sein, wenn ihr ein fabrikneues Modell präferiert. Verkaufsstellen hierfür sind in Kanada beispielsweise Walmart Superstore oder Canadian Tire.

Eine weitere Option ist, den Kindersitz von Deutschland aus online zu erwerben und zu eurem ersten Hotel oder einer Abholstation liefern zu lassen. Hier besteht natürlich ein gewisses Risiko, dass etwas nicht wie gewünscht funktioniert.

Zieht ihr einen gebrauchten Kindersitz vor, wird es auch möglich sein, einen solchen vor Ort zu bekommen. Aber nicht ohne weiteres – ihr müsst gut recherchieren, welche Online-Portale dafür in Frage kommen. Facebook Marketplace scheint zunächst naheliegend, ist aber ausgeschlossen, da die Plattform standortabhängig funktioniert. Facebook benötigt etwa zwei Wochen, um euren Standort zu aktualisieren. Demzufolge könntet ihr erst nach zwei Wochen in Kanada über die Plattform kaufen. Und nein, es nützt gar nichts, in den Einstellungen den eigenen Ort manuell auf eine kanadische Stadt zu ändern.

 

KINDERSITZ VOR ORT MIETEN?

Wir haben uns letztlich dazu entschieden, den Kindersitz beim Vermieter des Wohnmobils zu mieten. Demzufolge ist der Sitz natürlich nicht neu und wir hatten auch keine Möglichkeit, den Sitz selbst auszusuchen.

Hier gibt es drei Varianten:

  1. Es wird nur ein Modell offeriert. Unser Vermieter CanaDream bietet ausschließlich den Evenflo Symphony Kindersitz an.

  2. Auf anderen Blogs habe ich gelesen, dass es Vermieter gibt, etwa von Mietwagen, die mehrere verschiedene Kindersitze zur Auswahl bieten.

  3. Wieder andere Verleiher haben gar keine Kindersitze.

Es gilt wieder: Informiert euch im Vorfeld! Möglicherweise beeinflusst dies eure Entscheidung, welchen Wohnmobilvermieter ihr wählt.


DER WEG VOM FLUGHAFEN ZUM WOHNMOBIL


Solltet ihr einen Kindersitz im Flugzeug nach Nordamerika mitgebracht haben, könnt ihr diesen Abschnitt überspringen.

Es ist soweit. Ihr habt eure akribisch geplante Reise angetreten, seid in Nordamerika gelandet und habt euer Gepäck entgegengenommen. Alles läuft nach Zeitplan.

Ihr habt euch entschieden, mit einem Taxi vom Flughafen ins Hotel oder direkt zu eurem Wohnmobilvermieter zu fahren. Warum? Weil die Verbindung mit dem ÖPNV im besten Fall schlecht ist, ihr mit Kind und viel Gepäck mehrmals umsteigen müsstet und mehr als doppelt so lange benötigen würdet, wie mit einem Pkw. Im schlechtesten Fall steht eine ÖPNV-Verbindung gar nicht erst zur Verfügung.

In Deutschland ist es üblich, dass man ein Taxi ruft und dabei angibt, einen Kindersitz zu benötigen. Kostet extra, dauert länger, ist aber kein Problem. In Kanada herrscht zwar Kindersitzpflicht in Pkws, aber Taxis sind davon ausgenommen. Demzufolge bieten Taxiunternehmen auch keine Kindersitze an. So absurd es klingt: Taxis sind in Kanada von der Kindersitzpflicht ausgenommen. Das heißt, Babys und (Klein-)Kinder müssen im Taxi nicht mit einem Kindersitz gesichert werden, sondern dürfen auf dem Schoß der Eltern (!) sitzen. Ohne angeschnallt zu sein.

Es muss gar nicht zu einem Unfall kommen; bereits scharfes Bremsen würde dazu führen, dass euer Kleines durch das halbe Fahrzeug fliegt. Allein bei einem solch heftigen Bremsen wären die physikalischen Kräfte so stark, dass ihr euer Kind kaum in eurem Arm halten könnt. Was bei einem Aufprall passieren könnte, ist gar nicht auszudenken. Und da ihr nicht wisst, wann es zu welcher Art von Gefahrensituation kommt, müsstet ihr euer Kind die ganze Zeit fest umklammern. Auf unser ungläubiges Nachfragen, wie es denn andere mit Baby oder Kleinkind machen würden, erzählte man uns, viele Eltern würden ihre Kleinsten im Auto in die Babytrage nehmen, um sie zu sichern. (Solltet ihr dies tatsächlich in Erwägung ziehen, nehmt auf keinen Fall auf dem Beifahrersitz Platz! Nur ein Wort: Airbag.)

Das ist ein Beispiel für meine eingangs gemachte Bemerkung, dass man selbst eine Balance finden muss zwischen dem, was erlaubt ist und dem, was vernünftig (= verantwortungsbewusst) ist. So müsst ihr euch gegebenenfalls neue, eigene Lösungsmöglichkeiten schaffen.

Aufgefallen ist uns dieses Problem erst, als wir über die Uber-App ein Fahrzeug anfordern wollten. In der App kann man – zumindest in Kanada – nicht nur aus verschiedenen Fahrzeugkategorien auswählen, sondern auch angeben, ob man ein Tier befördern möchte. Ja, ein Tier. Ein Kind kann nirgendwo angegeben werden.

Taxi, Uber, Lyft – keine Kindersitze, nicht einmal Babyschalen für die Kleinsten.

Wie bringt ihr euer Kind adäquat gesichert vom Flughafen zum Wohnmobilanbieter? Hierfür gibt es aus meiner Sicht nur eine Option: Mietet am Flughafen einen Mietwagen mit Kindersitz. Das ist umständlich und teuer und funktioniert auch nur, wenn ihr mit zwei Erwachsenen unterwegs seid, da ja irgendwann der Punkt kommt, an dem ihr das Wohnmobil habt, den Mietwagen aber zurückbringen müsst.


 

E R G Ä N Z E N D E R B E I T R A G

Kanada Roadtrip mit Kindern: Die schönsten Routen

 
kanada roadtrip mit kindern
 

KINDERSITZ IM WOHNMOBIL – WO BEFESTIGEN?


Ihr habt es (fast) geschafft. Euer Kleines und ihr seid samt Gepäck sicher bei Verleiher eures temporären Zuhauses auf Rädern angekommen. Ihr habt gegebenenfalls eine Einweisung in euer Wohnmobil bekommen, das Gepäck verstaut und nun kann es endlich losgehen. Abenteuer Roadtrip! Nein, doch noch eine Verzögerung. Es gibt ein unerwartetes Problem. Das wichtigste, der Kindersitz, muss ja noch befestigt werden.

Wir waren überrascht, den Kindersitz einfach nur auf dem Boden des Wohnmobils vorzufinden. Wir hatten erwartet, diesen bereits sicher installiert vorzufinden. Auf Rückfrage erklärte uns der Vermieter, dass wir den Kindersitz selbst einzubauen hätten und dass man uns auch nicht tatkräftig unterstützen würde. Warum? Grund hierfür ist ausschließlich die Angst, im Falle eines Schadens haftbar gemacht zu werden. An diesem Punkt war es mit der kanadischen Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft ganz schnell vorbei.

 

KINDERSITZ IM WOHNMOBIL AUF DEM BEIFAHRERSITZ BEFESTIGEN?

In Deutschland dürfen Kindersitze auf dem Beifahrersitz des Wohnmobils installiert werden. Diese Variante erschien uns die sicherste.

 

Dies ist in Kanada verboten. Laut Gesetz dürfen Kinder unter 12 Jahren grundsätzlich nicht auf dem Beifahrersitz mitfahren, egal, in welcher Fahrzeugklasse. Und Kindersitze dürfen keinesfalls auf dem Beifahrersitz befestigt werden.

 

Es ist auch nicht ratsam, sich darüber hinwegzusetzen, denn in Fahrzeugen, die in Kanada und den USA zugelassen worden sind, ist es nicht möglich, den Airbag auszuschalten. Ja, schockierend für Europäer*innen.

 

KINDERSITZ IM WOHNMOBIL HINTEN BEFESTIGEN!

Folglich dürfen Kinder ausschließlich hinten, also im Wohnraum, mitfahren. Bekanntermaßen gibt es in Wohnmobilen Sitzgruppen, die als Essbereich dienen. Bei diesen Sitzgruppen gibt es eingetragene Sitzplätze. Dazu gehören zwei Sitzplätze auf der Bank in Fahrtrichtung. Auf der Bank entgegen der Fahrtrichtung dürfen während der Fahrt keine Personen befördert werden. Darauf weist ein entsprechener Aufkleber hin. Wie es sich mit Längsbänken verhält, kann ich nicht sagen, da wir diesbezüglich keine Erfahrungen gemacht haben.

Unsere einzige Option bestand also darin, den Kindersitz auf der vorwärts gerichteten Bank zu befestigen. Diese ist dafür leider gänzlich ungeeignet.

PROBLEM NR. 1: DIE SITZBÄNKE SIND MIT KINDERSITZEN NICHT KOMPATIBEL

Die Rückenlehne der Sitzbank ist nicht ergonomisch geformt, wie bei allen Sitzen in einem Pkw oder auch Fahrer- und Beifahrersitz im Führerhaus des Wohnmobils. Ein ergonomisch geformter Kindersitz trifft auf eine gerade Rückenlehne und eine gerade Sitzfläche. Man muss das nicht selbst gesehen haben, um sich vorstellen zu können, dass dies eine ungute Kombination ist.

Die Polster auf der Sitzbank liegen nur auf und können wegrutschen. Also haben wir die Polster zunächst entfernt, um das zu verhindern. Zum Vorschein kam eine Platte aus unbearbeitetem Holz. Die äußere Plastikschale des Kindersitzes rutschte darauf hin und her wie auf Schmierseife. Zudem war die Holzplatte auch nicht befestigt, sondern lag ebenso lose auf dem Unterbau, wie das Polster auf der Holzplatte. Also kam das Polster zurück auf die Sitzbank.

PROBLEM NR. 2: DIE GURTSYSTEME DER WOHNMOBILE SIND MIT KINDERSITZEN NICHT KOMPATIBEL

Es handelt sich lediglich um Beckengurte, also Zwei-Punkt-Gurte. Wir hatten ein Kindersitzmodell bekommen, in dem das Kind mit einem Fünf-Punkt-System im Kindersitz selbst gehalten wird. Der Beckengurt soll quasi nur den Kindersitz halten und darf auch nur so angelegt werden, dass er keinen Kontakt mit dem Kind hat. Warum? Im Fall eines Aufpralls würde der Beckengurt so tief in den Bauchraum einschneiden, dass Organe verletzt werden könnten.

Der Beckengurt allein reicht nicht zur Befestigung. Auch bei einem leichten Aufprall kann der Beckengurt den Kindersitz samt Kind auf dem glatten Untergrund – sei dieser nun ein Polster oder eine Holzplatte – nicht halten.

Wie haben wir den Kindersitz im Wohnmobil nun fixiert? Darauf gehe ich weiter unten ein.

PROBLEM NR. 3: FAHRTRICHTUNG DES KINDERSITZES

Ist euer Kind kein Kleinkind mehr, könnt ihr diesen Part überspringen.

Kinder unter 15 Monaten müssen laut Gesetzgebung in Deutschland entgegen der Fahrtrichtung sitzen. Die entsprechenden Kindersitze heißen Reboarder. Der ADAC empfiehlt den rückwärtsgerichteten Transport bis zu einem Mindestalter von zwei Jahren. Andere Expert*innen raten zu einem Mindestalter von vier Jahren.

Der Grund dafür liegt in der Anatomie der Kleinen: Die Köpfe von Babys und Kleinkindern sind im Verhältnis zu ihrer Körpergröße deutlich schwerer, als dies bei größeren Kindern und Erwachsenen der Fall ist. In einem vorwärts gerichteten Kindersitz würde der Kopf bei einem Aufprall nach vorne geschleudert, während die Gurte die Schultern halten. Die ohnehin noch nicht ganz ausgebildete Schulter- und Nackenmuskulatur kann diese enormen Kräfte nicht kompensieren. Die Folge können schwerste Verletzungen oder gar Schlimmeres sein. In einem Reboarder (einem rückwärts montierten Kindersitz) wird das Kind bei einem Aufprall in den Sitz gedrückt und es kommt zu einer gleichmäßigen Verteilung der Kräfte über den gesamten Rücken und Kopf.

Auch in Kanada müssen Babys (bis 20 Pfund, also 10 kg Körpergewicht) entgegen der Fahrtrichtung transportiert werden und auch hier gibt es die Empfehlung, dies fortzuführen, bis die Kinder vier Jahre alt sind. Es gibt auch entsprechende Kindersitze. Wir hatten sogar einen solchen von unserem Vermieter erhalten. Aber: Es war uns nicht möglich, den Kindersitz im Wohnmobil entgegen der Fahrtrichtung zu befestigen. Und damit meine ich, ihn so zu befestigen, dass er auch wirklich gehalten hätte.

Wir sind also das Risiko eingegangen, unsere Kleine vorwärts gerichtet fahren zu lassen. Wir haben uns an das Gesetz gehalten. Dennoch war diese Form des Transports völlig ungeeignet.

PROBLEM NR. 4: WOHIN MIT DEM TISCH?

Und so kam gleich das nächste Problem um die Ecke: Der Tisch, der ja zur Sitzgruppe gehört. Absenken oder auf der Essensposition belassen? Je nach Größe des Kindes wird so die Beinfreiheit der Kleinen und der danebensitzenden Mama gestört. Wir haben beide Varianten versucht und ich kann nur sagen: Irgendwie störte der Tisch immer.

PROBLEM NR. 5: DIE LAUTSTÄRKE

Im Führerhaus ist es während der Fahrt viel ruhiger als im Wohnraum. Hecksitzgruppen befinden sich meist in unmittelbarer Nähe der Küchenschränke, wo es während der Fahrt klappert und rumpelt. Fast immer saß ich in unserem gemieteten Wohnmobil hinten neben unserer Kleinen. Dabei war es nicht möglich, dass ich mich während der Fahrt mit meinem Mann, der am Steuer saß, unterhielt. Es war schlicht zu laut. Unsere Tochter ist trotz der Geräuschkulisse manchmal eingeschlafen.


FIXIERUNG DES KINDERSITZES


Wo haben wir den Kindersitz im Wohnmobil befestigt?

In Fahrtrichtung auf der vorwärts gerichteten Sitzbank der Hecksitzgruppe.

Und wie haben wir den Kindersitz im Wohnmobil befestigt?

Verwendet haben wir dazu den Beckengurt, einen Gurt vom Kindersitz und Handtücher. Handtücher? Das klingt nicht nur absurd, das war es auch.

Den Beckengurt haben wir durch entsprechende Aussparungen an der Unterseite des Kindersitzes geführt.

An der Rückenlehne der Sitzbank war durch den Hersteller eine Öse montiert. In diese haben wir den am Kindersitz vorinstallierten Gurt (Dieser hat nichts mit dem Gurtsystem zu tun, mit welchem das Kind im Sitz angeschnallt wird!) eingehängt und straff gezogen.

Während dieses Prozesses kamen die Handtücher ins Spiel: Im Grunde haben wir ihnen eine Art Nest auf die gerade Sitzfläche der Bank gebaut, in dem der Kindersitz dann saß. Einige Handtücher haben wir gefaltet, andere gerollt und überall dorthin gequetscht, wo Luft zwischen Kindersitz und Sitzbank war. Ziel war, dass der Kindersitz fest saß und nicht mehr hin und her rutschte. Um dies zu erreichen, muss der Kindersitz mit aller Kraft nach unten gepresst und dann festgezurrt werden. Dafür habe ich mich in den Kindersitz gehockt und mein Mann hat den äußeren, zusätzlichen Gurt des Kindersitzes straff gezogen.

Auf eine solch verrückte Idee wären wir nie von selbst gekommen. Die Standort-Managerin von CanaDream hat uns angewiesen, wie wir zu verfahren hätten. Währenddessen versicherte sie uns, all ihre Kund*innen würden die Kindersitze so befestigen und auch der Hersteller der Sitze würde das genauso vorschlagen.

Es dauerte ewig, bis einer der vielen Versuche endlich gelang. Als der Sitz nach einem weiteren Versuch immer noch wackelte und wir die Managerin mit einer Mischung aus Verzweiflung und Genervtsein darauf aufmerksam machten, nickte sie und erwiderte ganz beflissen: “I can bring more towels.” Ich starrte sie nur an. Sie verschwand und kam kurz darauf mit einem neuen Stapel reinweißer Handtücher zurück.

Am Ende konnten wir den Kindersitz im Wohnmobil so sicher befestigen, wie es uns unter diesen schlechten Umständen möglich war. Nach sechs Wochen haben wir das Wohnmobil ohne einen Kratzer zurückgegeben. Für dieses Glück bin ich unendlich dankbar.


ALTERNATIVEN


Haben wir die am wenigsten ideale aller Lösungen gewählt? Rückblickend scheint es fast so. Mein Mann und ich haben einen ganzen Tag damit zugebracht, unsere Optionen zu diskutieren. Folgendes war im Gespräch:

1. ABBRUCH DER REISE

Die Reise abbrechen, bevor sie richtig begonnen hätte. Sofortiger Rückflug nach Deutschland.

2. TRUCK CAMPER STATT WOHNMOBIL

Umstieg von großem Wohnmobil auf einen Truck Camper. Hierbei handelt es sich um einen Pick up Truck mit Wohnaufsatz. Auf der Rücksitzbank kann man das amerikanische LATCH-System nutzen. Das ist ein Befestigungssystem für Kindersitze, wie auch ISOFIX eines ist. Allerdings ist es nicht genau so stabil und sicher wie ISOFIX.

Vorteil: Der Kindersitz kann entgegen der Fahrtrichtung angebracht werden.

Nachteile:

  1. Der Wohnaufsatz ist deutlich kleiner als es der Wohnraum in unserem Wohnmobil war und bietet weniger Komfort.

  2. Es gibt keine direkte Verbindung zwischen dem Innenraum des Pick up Trucks und dem Wohnaufsatz.

  3. Der Truck Camper verfügt nicht über den von uns dringend benötigten Generator.

  4. Das Bett ist im Alkoven – es ging also tief runter; nicht auszudenken, wenn unsere Kleine dort hinabgestürzt wäre.

Die letzten beiden Punkte führten zum Ausschluss dieser Option.

3. WOHNMOBIL PLUS MIETWAGEN

Einen gewöhnlichen Pkw zusätzlich mieten, den unsere Tochter und ich genutzt hätten, während mein Mann mit dem Wohnmobil vorausgefahren wäre. Neben dem Reiseabbruch wäre dies die kostenintensivste Variante gewesen.

Irgendwann waren aber auch wir mal am Ende des Geldes angelangt. Als weitere Überlegung kam hinzu, dass es wenig entspannend sei, mit zwei Fahrzeugen unterwegs zu sein. Zu dem Zeitpunkt wussten wir noch nicht, dass das Fahren für uns alle meist extrem stressig sein würde.

4. KINDERSITZ VORWÄRTS GERICHTET INSTALLIEREN

Letztlich haben wir unsere Kleine vorwärtsgerichtet fahren lassen. Gerade in den ersten Tagen hielt ich unsere gemeinsam getroffene Entscheidung für einen fatalen Fehler und stand während des Fahrens furchtbare Ängste aus. In Kanada aber ist die gesamte Verkehrslage (außerhalb der Städte) wesentlich ruhiger und die Verkehrsteilnehmer*innen sind wesentlich rücksichtsvoller als in Deutschland.


WIE MACHEN ES ANDERE?


Immer wieder habe ich mich gefragt, ob wir tatsächlich die einzigen mit dem Kindersitz-Problem sind. Das konnte doch alles nicht sein!

Zwei Wochen später trafen wir auf einem Campingplatz Eltern mit ihrem zweijährigen Jungen. Sie waren aus ihrer Heimat Quebec nach Alberta geflogen und hatten hier einen Pkw gemietet. Es war ein Kombi, in dem sie sogar übernachteten. Natürlich war der Kindersitz des Jungen entgegen der Fahrtrichtung eingebaut.

Sie erzählten uns, dass sie zunächst auch ein Wohnmobil buchen wollten, das unserem vergleichbar war. Dieses Vorhaben hatten sie jedoch schnell aufgegeben, denn schließlich sei es in diesen Dingern ja nicht möglich, einen Kindersitz adäquat zu befestigen. Deshalb hätten sie dann lange recherchiert und sich schließlich für diese etwas beengte, aber für ihr Kind maximal sichere Variante entschieden.

Ich war gleichzeitig geschockt und seltsam erleichtert. Wenn es schon kanadischen Eltern in ihrem eigenen Land nicht möglich ist, ihr Kleinkind nach ihrem Sicherheitsbedürfnis in einem Wohnmobil zu transportieren – dann lag es wenigstens nicht daran, dass wir uns zu ungeschickt angestellt oder etwas übersehen hatten.

Auf jedem Campingplatz waren viele Eltern mit ihren Babys und (Klein)-Kindern. Wie viele von ihnen waren wirklich gut gesichert während der Fahrt?

Hier sind die Hersteller der Wohnmobile in der Pflicht, endlich nachzurüsten und adäquate Befestigungsmöglichkeiten für Kindersitze und Babyschalen zu schaffen!

 

W E I T E R E B E I T R Ä G E

Kanada mit Kleinkind

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Kanada Roadtrip mit Kindern im Wohnmobil: Die 5 wichtigsten Tipps zur Reiseplanung

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Elternzeit Roadtrip Kanada: Reisebericht Teil 3