In der Elternzeit reisen mit Baby oder Kleinkind – muss das sein? Elternzeitreise Kritik.

Elternzeitreisen scheinen immer beliebter zu werden – doch ist die Elternzeit wirklich eine ideale Zeit zum Reisen? Unzählige Blogs beschäftigen sich mit dem Thema und schwärmen von ausgedehnten Roadtrips mit Baby und/oder Kleinkind. Auch bei uns hieß es: Elternzeit ist Reisezeit. Lange machten wir uns Gedanken zu unserer Elternzeitreise. Welches Alter ist ideal? Nach welchen Faktoren ist das Reiseziel auszuwählen? Letztlich war aber die Diskrepanz zwischen unseren Erwartungen an die Reise und der Realität, die wir erlebten, erstaunlich groß.

 

WÄHREND DER ELTERNZEIT REISEN – WARUM?


Weniges bereichert so sehr wie Reisen. Man lernt fremde Länder und andere Kulturen kennen, sieht Landschaften, die so beeinruckend sind, dass einem der Atem stockt und begegnet Menschen, deren Denk- und Lebensweise sich vollständig von der eigenen unterscheidet. Bestimmte Erfahrungen kann man einfach nur unterwegs machen. Dabei verlässt man nicht nur physisch die eigene kleine Welt, sondern erweitert auch die Grenzen des Mikrokosmos, in dem sich die eigenen Gedanken entfalten. Reisen heißt Neues denken. Etwas zu denken, was erst durch ein bestimmtes Erleben möglich geworden ist. Reisen heißt Wachsen. Die viel zitierte Komfortzone verlassen. Reisen heißt Lernen. Über die Welt, über sich selbst und über die Beschränkungen, die man sich selbst auferlegt. Reisen erhöht nachweislich die kognitive Flexibilität und die Kreativität.

Beschränkt hinsichtlich Reisen wiederum ist man in erster Linie durch das Hamsterrad, in dem so viele feststecken. Beruf, Alltag, Familie und Freundeskreis, Pflege von Angehörigen und zahlreiche andere Verpflichtungen.

Doch dann winkt plötzlich die Elternzeit. Nun hat man scheinbar endlich als Paar bzw. junge Familie die Möglichkeit, gemeinsam über Monate unterwegs zu sein. Was für eine verlockende Vorstellung!

So ging es auch meinem Mann und mir. Während des Studiums und auch danach sind wir immer mal für drei, vier, fünf Wochen verreist. Durch einen Jobwechsel meines Mannes sahen wir uns schließlich jedoch auf die typischen zwei Wochen Urlaub beschränkt. Schon am Anfang meiner Schwangerschaft beschlossen wir deshalb, die Elternzeit in fernen Ländern zu verbringen.


ELTERNZEIT REISEN – WELCHES ALTER?


Als es an die konkrete Planung ging, schlugen unsere Vorstellungen hart auf dem Boden der Realität auf. Je näher die Geburt rückte, desto weniger gelassen wurden wir. Hatten wir Monate zuvor noch über Südamerika nachgedacht, schien dieses Ziel uns nun zu risikoreich. Da nach der Geburt unsere Bereitschaft, unser Baby auch nur der geringsten vermeintlichen Gefahr auszusetzen, nochmal erheblich sank, verschoben wir unsere größeren Reisepläne.

Während der ersten drei Monate sind Säuglinge noch in der besonders vulnerablen Phase und es stehen zudem ständig Impfungen und U-Untersuchungen an. Diese können theoretisch auch im Ausland durchgeführt werden, was für uns jedoch nicht in Betracht kam.

Im gesamten ersten Jahr blieben wir in Deutschland: Mit drei Monate altem Baby ging es in den Spreewald und sechs Monate später nach Nordrhein-Westfalen – beides für jeweils eine Woche. Die Elternzeit Fernreise traten wir an, als unsere Kleine 12 Monate alt war. Obwohl wir sehr reiseerfahren sind, stellte uns die Suche nach dem Zielland vor Herausforderungen. Es gestaltete sich nicht wie früher, à la “Oh, da ist es sicher schön, dort wollten wir schon immer mal hin!”. Stattdessen legten wir strenge Parameter fest.


ELTERNZEITREISE WOHIN?


UNSERE KRITERIEN FÜR EIN SICHERES ELTERNZEIT REISEZIEL

  • Landes- bzw. Amtssprache Englisch. Im Notfall wollten wir uns gut verständigen können und da unsere Tochter eine Lebensmittelunverträglichkeit hat, ist es wichtig, dass wir die Inhaltsstoffe auf Lebensmittelverpackungen zweifelsfrei lesen und verstehen können.

  • Das Gesundheitssystem im Reiseland sollte westlichen Standards entsprechen, um in einem medizinischen Notfall eine gute Versorgung sicherzustellen.

  • Die klimatischen Verhältnisse sollten in etwa denen in Deutschland entsprechen, um den Stress der Umstellung auf ein anderes Klima so gering wie möglich zu halten.

  • Für das Zielland sollten keine zusätzlichen Impfungen erforderlich sein und es sollten keine gefährlichen Krankheiten dort lauern, gegen die es keine Impfung gibt.

  • Die Gesamtflugzeit sollte 12 Stunden nicht übersteigen.

Mit diesen fünf Parametern wird die Welt plötzlich ziemlich klein. Die Antwort: Kanada. Die meisten Gebiete des flächenmäßig zweitgrößten Landes der Erde sind wenig erschlossen bis völlig abgelegen. Deshalb war die Reiseplanung nicht so schwierig: Unsere Route führte uns durch Alberta und British Columbia im Südwesten Kanadas, wo die Infrastruktur unserem Sicherheitsbedürfnis entspricht.


GRÜNDE FÜR EINE ELTERNZEITREISE IM WOHNMOBIL


Bis zu unserem Roadtrip durch Kanada während der Elternzeit hatte ich gedacht, unsere Tage auf Campingplätzen (mit Zelt, wohlgemerkt!) seien gezählt. Zunächst planten wir die Tour tatsächlich auch mit Mietwagen, entschieden uns aber rasch für ein Wohnmobil. Warum?

  • Unser Baby (Pardon, unser Kleinkind) sollte während der Reise eine feste Umgebung haben. Das ist für Babys und Kleinkinder enorm wichtig; sich ständig umgewöhnen zu müssen, ist für sie ausgesprochen stressig. Eine feste Umgebung erlaubt es auch eher, Routinen von zu Hause unterwegs mitzunehmen und eine Struktur zu etablieren. Dies ist auch dem Schlaf von Baby oder Kleinkind zuträglich. Für unsere Tochter blieben das Zuhause auf Zeit und der Schlafplatz während der Reise gleich – nur der Blick aus dem Fenster änderte sich stets.

  • Wir wollten uns häufiges Kofferpacken sparen. Schon von unseren innerdeutschen Reisen wussten wir, dass sich unser Gepäck mit Kind vervielfachen würde. Die Vorstellung von ständigem Ein- und Auspacken war uns schlicht ein Graus.


ELTERNZEITREISEN KRITIK


Elternzeitreisen werden immer beliebter und stehen dennoch in der Kritik. Zu Recht? Ist es nicht egoistisch, einem kleinen Geschöpf, für das man ganz und gar verantwortlich ist, den enormen Stress einer Reise zuzumuten? Allein der Flug, dann die Umgewöhnung an eine andere Zeitzone, die fremde Umgebung, ein neuer Alltag… Ja, es ist ziemlich egoistisch. Es gibt sicher Babys und Kleinkinder, die weniger empfindsam sind als unsere Tochter und vielleicht sogar solche, denen eine Reise guttut.

Zwar haben wir versucht, alles zu berücksichtigen, aber es gibt nun mal Aspekte, die man nicht planen kann.

 

ELTERNZEIT REISEN WELCHES ALTER?

Den idealen Zeitpunkt für eine Elternzeitreise gibt es nicht – zumindest dann nicht, wenn es um die Reiseplanung geht, die ja bei einem solch größeren Projekt viele Monate im Voraus stattfindet. Ideal wäre ein Zeitpunkt, zu dem das Baby oder Kleinkind vollständig geimpft ist, der zwischen zwei U-Untersuchungen liegt, währenddessen es keinen Entwicklungssprung gibt, keine größeren Herausforderungen (Beikoststart, Zahnen, Erhöhung des Mobilitätsradiuses, Töpfchentraining oder ähnliches) auftreten, das Kleinkind sich nicht (mehr) alles, was es irgendwo findet, in den Mund steckt (Steinchen auf dem Campingplatz bieten sich besonders an). Allerdings ist es eben unmöglich vorauszusagen, wann die Beikostreife erreicht ist oder gar, wann die Zähnchen kommen und vor allem auch, wie groß die Probleme, die diese verursachen, tatsächlich sind. Das ist bekanntermaßen nicht nur von Kind zu Kind, sondern auch von Zahn zu Zahn unterschiedlich.

In unserem Fall kamen während der Reise zwei neue Zähne und der siebte Entwicklungssprung setzte ein. Die orale Phase dagegen nahm glücklicherweise ab, sodass wir das Problem, trotz größter Sorgfalt, ständig Dinge aus des Tochters Mund holen zu müssen, nur am Anfang hatten. Rückblickend kann ich für uns zweierlei konstatieren: Erstens gibt es aus Planungssicht nur weniger schlechte Zeitpunkte als andere schlechte Zeitpunkte für den Reisezeitpunkt. Zweitens wäre unser idealer Zeitpunkt gewesen, als unsere Kleine zwischen 7 und 9 Monaten alt war.

 

ELTERNZEITREISE IM WOHNMOBIL

Trotz dessen wir eine feste Umgebung geschaffen haben und das Wohnmobil ausgesprochen komfortabel war, hat dies nicht dazu beigetragen, dass wir in sechs Wochen einen Alltag mit fester Struktur entwickeln konnten. Diese Illusion ist zerplatzt. Die Natur eines Roadtrips ließ das einfach nicht zu. Für unsere Kleine ist Struktur allerdings wichtig. Im Nachhinein wäre es sinnvoller gewesen, für den gesamten Zeitraum ein oder maximal zwei Airbnb zu mieten und sich in einem deutlich geringeren Radius zu bewegen.

Schon zuvor ist unsere Kleine nicht sonderlich gern Auto gefahren. Nun hasst sie es. Mit jedem Mal wurde es schwieriger, sie zu überzeugen, sich in den Kindersitz setzen zu lassen. Einmal hatten wir eine Tagestour von etwa 290 km geplant, für die wir letztlich nicht einen, sondern drei Tage benötigt haben, weil das winzige Mädchen nun mal nicht in den Kindersitz wollte.

 

ELTERNZEITREISE: DIE ROLLE DER VÄTER

In der letzten Woche resümierte mein Mann sichtlich niedergeschlagen, dass er die zwei Monate Elternzeit schließlich auch deshalb genommen hätte, um unsere Kleine näher kennenzulernen und eine intensivere Beziehung zu ihr aufzubauen. Stattdessen sei genau das Gegenteil passiert.

Und ja, dem muss ich leider beipflichten. Wie unüberlegt von uns! Wir haben unser 12, 13 Monate altes Baby an einen fremden Ort gebracht, wo alles neu ist – die Umgebung, der Schlafplatz, die Gerüche, die Menschen und die Sprache, die die Leute miteinander und mit Mama und Papa sprechen – um nur ein paar Dinge zu nennen. Was sonst sollte sie wohl sonst tun, als sich ganz fest an ihre erste Bezugsperson (mich) zu klammern?

Wäre die Stärkung der Papa-Tochter-Beziehung unsere Priorität gewesen, hätten wir zu Hause bleiben sollen.

 

ELTERNZEITREISE: ERFAHRUNGEN EINER MUTTER

DAS EWIGE SCHLECHTE GEWISSEN

Schon vor der Reise war mir klar, dass ich nicht jede Situation ideal verlaufen wird und ich gehöre nun auch zu den Müttern, die für ihre Babys alles zumindest annähernd perfekt machen wollen. Es gab letztlich jedoch viel mehr herausfordernde Situationen, als ich es für möglich gehalten hatte und damit umzugehen war für mich deutlich schwieriger, als ich es zuvor eingeschätzt hatte. Jedes Mal, wenn es meiner Kleinen nicht gut ging – sei es, weil der Kindersitz in ihr Stress ausgelöst hat, sie aufgrund der äußeren Umstände zu wenig Bewegung an dem Tag bekommen hatte und deshalb unausgeglichen war oder ich sie früh morgens wecken musste – war das für mich unglaublich schwer auszuhalten. Jeder Tag brachte irgendeine Anstrengung mit sich. Jeden Tag hatte ich ein schlechtes Gewissen meinem kleinen Mädchen gegenüber.

 

EINE ELTERNZEITREISE IST KEIN ERHOLUNGSURLAUB

Persönlich hatte ich zudem überhaupt keine Erholung. Die Reise war für mich wesentlich stressiger als der Alltag zu Hause. Vor- und Nachteil einer Reise im Wohnmobil ist, dass man sich selbst versorgen muss. Einkaufen, Kochen, Abwaschen, Aufräumen, Wäsche waschen, Bad putzen, Kehren und Wischen, Betten machen. Es gab jedoch keine Zeit für mich, um mal abzuschalten. Die extra vor Ort gekaufte Yogamatte habe ich einmal verwendet. Im Wohnmobil ist kein Platz, draußen müssen die Bedingungen passen (Wetter, Größe Stellplatz und Untergrund – auf Schotter ist Yoga trotz Matte wenig entspannend). Und dieses eine Mal konnte ich meinen Flow nicht einmal zu Ende machen. Nach etwa 15 Minuten rief mich mein Mann, da er unsere Kleine nicht beruhigen konnte.

Natürlich gab es auch Situationen, Momente und Erlebnisse, die mehr Energie gaben, als sie nahmen. In Summe jedoch zu wenig. Das ist vermutlich ein individuelles Problem, das wir als Paar einfach besser hätten lösen müssen.

Und dann ist da noch etwas anderes: Wenn wir Berge, Gletscher, Seen, Wasserfälle, reißende Flüsse und Sonnenuntergänge am Strand bewunderten, stichelte immer die eine Frage in mir, ob wir das alles nicht hätten machen sollen, wenn unsere Kleine größer ist, damit sie das bewusster sehen und sich später vor allem daran erinnern könne. Natürlich will ich meiner Tochter die Welt zeigen – aber sie soll auch etwas davon haben, sonst ist es irgendwie witzlos.

Allerdings haben auch wir nicht alles gesehen, was wir sehen wollten, nicht jede Wanderung gemacht, die wir machen wollten und nicht alles getan, was wir tun wollten. Eine Reise mit kleinem Kind ist eben ganz anders als eine Reise als Paar. Und so war es ein ständiges Ausbalancieren zwischen dem, was wir gern erleben wollten und dem Wohl unserer Kleinen.


GIBT ES AUCH ETWAS POSITIVES?


Ja. Natürlich haben wir auch viel Schönes erlebt. In der ersten Nacht hatten wir ein Hotel und aufgrund der Zeitverschiebung waren wir ab 3 Uhr in der Früh wach und haben der Stadt beim Aufwachen zugesehen, Musik gehört und dazu getanzt.

Wir sind mit unserer Kleinen, die erst ein paar Wochen zuvor mit Laufen begonnen hat, Trails gegangen und es war eine wahre Freude, zu sehen, wie sie ihre Lauffähigkeiten enorm verbessert hat. Waren Wurzeln, Stöcke und Steine am Anfang der Reise noch größere Hindernisse, ist sie nach sechs Wochen spielend leicht über jede Unebenheit marschiert. Sie vorangehen zu lassen und ihr einfach durch die Wälder zu folgen, zu sehen, was ihre Aufmerksamkeit fesselt und woran sie sich erfreut, war zauberhaft.

Ganz wunderbar waren auch unsere Strandspaziergänge. Unserer Kleinen erstmals das Meer zu zeigen und dann gleich noch den Pazifik – ein ganz besonderer Augenblick. Die pure Freude, mit der sie am Strand entlangflitzte, ins Wasser tapste und das Phänomen der Wellen zu verstehen versuchte… bei der bloßen Erinnerung muss ich lächeln.

 

W E I T E R E B E I T R Ä G E

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Roadtrip, Baby! 7 Gründe für eine Elternzeitreise im Wohnmobil