Das Dilemma der Mütter: Keine Vereinbarkeit von Familie und Beruf?
Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist für die meisten Mütter noch immer eine Utopie, statt gelebter Realität. Das Problem wird unter den Betroffenen rege diskutiert – im Austausch auf dem Spielplatz, in Cafés und bei Play Dates. Eine gewisse Öffentlichkeit findet die Thematik in Blogbeiträgen und auf diversen Social Media Plattformen. Doch das Problem dieses Problems ist, dass es nur Mütter jüngerer Kinder betrifft. Verständnis anderer Personengruppen gibt es wenig und eine Lobby schon gar nicht. Es ist aber ein Systemproblem. Ein Systemproblem, für das es meiner Ansicht nach keine schnelle Lösung geben wird, von der die aktuelle Müttergeneration profitieren könnte. Systemprobleme kann man nicht zu Hause lösen, habe ich oft gelesen – selbst dann nicht, wenn sie das persönliche Leben betreffen. Stimmt das? Oder ist es nur eine häufig genug wiederholte und deshalb manifestierte Ausrede?
Die Diskussion um das Dilemma der modernen Mutterschaft
Viele Mütter, die sich als Feministinnen verstehen, prangern immer wieder das von patriarchalen Strukturen gekennzeichnete Gesellschaftssystem an und identifizieren es als Ursache für die Probleme, mit denen sich Familien, aber vor allem eben Mütter, im Alltag konfrontiert sehen und im Verborgenen kämpfen.
Mütter – insbesondere kleiner Kinder – sind vor eine Vielzahl von Problemen gestellt:
Mental Load; die mentale Belastung durch die vielen Aufgaben und Verantwortlichkeiten als Mama,
fehlende Wertschätzung von Care Arbeit,
Kita-Misere,
Gender Pay Gap,
schlechtes Gewissen (etwa bei Dienstreisen) und
Altersarmut von Frauen.
Nicht wenige Bloggerinnen, Journalistinnen und Content Creatorinnen schreiben und sprechen über diese Probleme, die einerseits höchst individuell sind und andererseits doch eine so große Personengruppe betreffen. Noch dazu eine Personengruppe, die die Gesellschaft in der Gegenwart trägt und die Zukunft derselben sichert.
Die Diskussion über die genannten Themen läuft in den sozialen Medien auf Hochtouren. Das ist richtig und wichtig. Die Resonanz ist geradezu gigantisch. Natürlich, denn so viele Mütter erleben diese Realität. Und hier ist der Knackpunkt: Die Diskussion findet in einer Echokammer statt, aus der sie es seit Jahren nicht hinaus schafft. Es werden (fast) nur Frauen erreicht, die ähnliche Gedanken teilen – sie fühlen sich im Umgang mit Gleichgesinnten verstanden und bestätigt.
So ging es auch mir eine ganze Weile. Doch irgendwann entstand bei mir der Eindruck, dass bereits alles gesagt ist. Die Botschaften erschienen mir nur noch repetitiv. Ich hatte ab einem gewissen Punkt das Gefühl, alles schon einmal gelesen oder gehört zu haben. Da waren schlussendlich nur noch Inhalte, die sich mit Informationen auseinandersetzten, die meine Erwartungen und Ansichten bestätigten. Daraufhin stellte ich mir zwei Fragen:
Was bringt es, wenn wir uns nur im Kreis um uns selbst drehen?
Haben wir alle eine verengte Weltsicht, die zu Bestätigungsfehlern geführt hat?
Zur ersten Frage: Wenn ich auf dem Spielplatz mit anderen Müttern über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf diskutiere, ändert dies weder unsere Lebensrealität, noch führt es zu politischen Entscheidungen. (Ihr erinnert euch, wir sprechen schließlich von einem Systemproblem.)
Achtung, unliebsame Meinung: Genau dasselbe trifft auf die Inhalte und Diskussionen auf Instagram und Co. zu. Viele Accounts haben es sich auf die Fahne geschrieben, dafür zu kämpfen, dass sich etwas ändert. Aber wie soll das konkret aussehen? Was bringt es, ständig dieselben Probleme zu wälzen, ohne konkrete Lösungsvorschläge zu machen, ohne Handlungsoptionen zu entwickeln und aufzuzeigen?
Das einzig fruchtbare Moment der Diskussion liegt darin, dass die Teilnehmerinnen sich bestätigt fühlen. Aber ist es dann überhaupt eine Diskussion? Zumindest keine nachhaltige, da sie letztlich zu nichts führt.
Zur zweiten Frage:
Falsche Dualitäten
Die Gesellschaft suggeriert häufig in Bezug auf ganz unterschiedliche Dimensionen, man müsse zwischen zwei Optionen wählen. Entweder ist man erfolgreich im Job oder im Kollegium als nett und hilfsbereit geschätzt. Entweder ist man eine gute Mutter oder macht Karriere.
Entweder oder. Beides geht nicht. Ein sehr limitierendes Denken.
Diese fest in der Gesellschaft verankerten Glaubenssätze geben uns vor, wie wir zu sein haben und handeln sollen – aber sie sagen nichts über die Möglichkeiten der Wirklichkeit aus.
Ein historisches Beispiel dafür ist der Mythos vom Bicycle Face. Im späten 19. Jahrhundert wurde Fahrradfahren zu einem beliebten Breitensport. Um Frauen davon abzuhalten, sich ebenfalls aufs Rad zu schwingen, propagierten Ärzte das sogenannte Bicycle Face. Dies besagte, die Anstrengungen des Fahrradfahrens würden bei den schwachen Frauenkörpern zu einer Vielzahl gesundheitlicher Probleme führen und ihr äußeres Erscheinungsbild beeinträchtigen. Das tatsächliche Ziel dieser Abschreckungstaktik war jedoch, zu verhindern, dass Frauen durch Fahrradfahren ein Stück Unabhängigkeit erlangen könnten.
Auf diese Weise etikettiert die Gesellschaft auch andere Lebensbereiche mit falschen Dualitäten, um Druck auf die Verhaltensweisen der Menschen auszuüben.
Das Konzept des Bicycle Face sollte Frauen davon abhalten, aus traditionellen Normen auszubrechen. Doch wird die Idee dahinter nicht fortgesetzt indem gemeinhin davon ausgegangen wird, dass Frauen nicht gleichzeitig eine erfolgreiche Karriere machen und eine gute Mutter sein können?
Und was passiert, wenn es mir gelingt, mich von dem beschränkten Denken anderer zu befreien? Wenn ich meine Handlungsoptionen nicht in Abhängigkeit von den Glaubenssätzen und Meinungen anderer limitiere? Wie kann ich meine Denkweise ändern, um das zu erreichen, was mir wichtig ist und mein Leben bereichert?
Die Grenzen des Möglichen
Die wenigen Menschen, die sich überdurchschnittlich hohe Ziele setzen und diese erreichen, haben einen anderen Denkansatz: Sie entwickeln ein Ziel und überlegen dann, mit welchen verschiedenen Möglichkeiten sie dieses erreichen können. Alle anderen (die große Mehrheit), listet dagegen all die Gründe auf, warum ein bestimmtes Ziel für sie nicht erreichbar sei.
Sobald wir jedoch dieses Nein, das wir uns selbst geben oder uns von anderen erteilen lassen, als Antwort akzeptieren, nehmen wir uns selbst aus der Gleichung heraus.
Wer entscheidet, wo die Grenzen des Möglichen liegen?
Vor 1954 galt es in Medizin und Wissenschaft als unmöglich, eine englische Meile (1609,344 Meter) in unter vier Minuten zu laufen. Der menschliche Körper sei zu einer solchen Leistung schlichtweg nicht in der Lage. Ein britischer Mittelstreckenläufer, Sir Roger Gilbert Bannister, war jedoch der Überzeugung, genau das schaffen zu können. Er investierte nicht nur Zeit in sein Lauftraining, sondern auch in die mentale Vorbereitung. Am 6. Mai 1954 war er der erste Mensch, der die englische Meile in einer Zeit von unter vier Minuten lief.
Sein Weltrekord hatte nur einige Wochen bestand und wurde immer wieder unterboten. Nicht nur in der Laufszene wird dies als Roger-Bannister-Effekt bezeichnet: vermeintlich Unmögliches möglich machen.
Sollten wir uns darauf verlassen, dass andere festlegen, wo die Grenzen des Möglichen liegen?
Elternschaft. Berufstätigkeit. Vereinbarkeit.
Die Vereinbarkeit und das System
Was bedeutet Vereinbarkeit von Familie und Beruf überhaupt? Dass Mütter beides leisten können, ohne dabei auszubrennen – und erst mit Eintritt ins Rentenalter zusammenbrechen? Oder dass Mütter so viel Zeit mit ihren Kindern verbringen können, wie sie es möchten und trotzdem finanziell abgesichert sind?
In der Diskussion im Netz werden immer wieder die patriarchalen Strukturen als ursächliches Problem benannt. Die Verantwortung, die wir alle für unser eigenes Leben tragen, wird abgeben an das Gesellschaftssystem. Vielleicht steckt die Diskussion genau deshalb in ihrem eigenen Resonanzraum fest und bleibt unfruchtbar. Würde sie nachhaltig in die Lebensrealitäten der Mütter, die sie führen und verfolgen, hineinwirken, bedeutete dies auch, dass jede einzelne etwas ändern muss.
Das System wird sich so schnell nicht ändern – zumindest nicht schnell genug, dass wir als Müttergeneration noch davon profitieren können. Wir müssen selbst etwas tun. Eine Revolution von unten, um etwas dramatisch zu werden. Zumindest aber sollten wir erkennen, dass wir selbst verantwortlich für unser Leben sind und daraus Handlungsoptionen ableiten.
Die Vereinbarkeit: das eigentliche Problem
Im direkten Austausch mit anderen Müttern mache ich immer wieder die Erfahrung, dass der Kern des Problems ohnehin woanders liegt: Geld. Mütter müssen Geld verdienen für ihre Familie. Sie sind Mitverdienerinnen, um den Kredit für das eigene Haus abzubezahlen, sie sind Hauptverdienerinnen, um die Familie zu ernähren. Das ist ihre Lebensrealität.
Alle Mütter, die ich kenne, sind angestellt. Angestellte in Deutschland haben keine optimalen Bedingungen. Angestellte Mütter haben katastrophale Bedingungen: eine unverhältnismäßig hohe wöchentliche Stundenzahl, kaum Flexibilität bzgl. der Arbeitszeiten, wenig Urlaubstage und – besonders absurd – eine festgelegte Anzahl an Tagen im Jahr, an denen das Kind krank sein darf, ohne dass die Mutter finanzielle Einbußen hinnehmen muss. Nicht wenige Mütter haben unter anderem deshalb Angst vor Kündigung. Für andere wird ihr Muttersein zu einer Hürde bei der Jobsuche. Wieder andere werden bei Beförderungen übergangen.
Solange die Arbeitsbedingungen in Deutschland sich nicht von Grund auf ändern und Familienfreundlichkeit nicht nur eine leere Worthülse in Stellenausschreibungen bleibt, wird sich das Problem für angestellte Mütter auch nicht lösen.
Es heißt zwar Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Aber nicht der Beruf ist das Problem, sondern das Angestelltenverhältnis.
Anders gesagt, liegt das Problem in der Notwendigkeit, die Familie zu finanzieren. Bei aller aus meiner Sicht absolut notwendigen Eigenverantwortung: Dass wir in einem kapitalistischen System leben, können wir nicht ändern und auch können wir uns diesem System nicht entziehen – zumindest dann nicht, wenn wir Verantwortung für Kinder tragen.
In einer Welt, in der Geld kein Problem ist, fallen ganz viele andere Probleme weg.
Lösungen und Handlungsoptionen
Wie können wir unsere eigene Situation verbessern?
Ich bin überzeugt davon, dass es hierfür keine one-fits-all-Lösung gibt. Ja, es ist wichtig, dass das Gesellschaftssystem sich ändert, dass die Arbeitsbedingungen sich massiv verbessern – aber das wird kein Allheilmittel sein.
Ich persönlich erwarte nicht, dass irgend jemand kommt und mein Leben für mich in Ordnung bringt. Das muss ich schon selbst tun. Wie? Erstens: erkennen und verstehen, was Eigenverantwortung bedeutet. Zweitens: Verantwortung übernehmen. Drittens: Informationen sammeln und das neu erarbeitete Wissen in die Tat umsetzen.
Der Kern des Problems ist das Geld. Nicht nur Anstellungsverhältnisse generieren Einkommen.
Können sich alle Mütter, die berufstätig sind, selbstständig machen? Vermutlich nicht. Und vermutlich ist Selbständigkeit auch nicht die Lösung für alle Probleme. Wie sieht der ideale Job aus? Ich glaube, dass es dafür keine Blaupause gibt. Jede Familie ist anders. Jede Mutter hat ihre eigenen Vorstellungen, Wünsche und Bedürfnisse. Ein Unternehmen, das sich als familienfreundlich sieht und präsentiert, ist es vielleicht für die eine Mutter. Für die andere aber nicht. Deshalb glaube ich, dass Mütter selbst sich Gedanken darüber machen sollten, welche Lösungen sie benötigen und diese ihren Arbeitgeberinnen vorschlagen. Von den Arbeitgeberinnen erwarte ich maximales Entgegenkommen. Das fängt übrigens mit Vertrauen an. Schwer vorstellbar in einem Land, in dem jede*r permanent davon ausgeht, alle anderen würden weniger arbeiten oder leisten als man selbst und würden gar nichts tun, stünden sie nicht unter ständiger Beobachtung.
Sicher gibt es auch schon jetzt vereinzelt Arbeitgeberinnen, die tatsächlich familienfreundlich sind. Und sicher gibt es auch Mütter, die an ihrer beruflichen Situation gar nichts ändern wollen, weil der Job ihnen Kraft und Freude schenkt. Wenn die vielgenannte Vereinbarkeit trotzdem ein Problem ist, müssen die Lösungen anderswo gesucht werden. Die Gründung eines Mehrgenerationenhauses – sei es mit der erweiterten Familie, Freundinnen, Bekannten oder Fremden – wäre möglicherweise eine Überlegung wert.
Wir müssen in verschiedene Richtungen denken. Neu denken. Oder zurückgehen in eine ferne Vergangenheit, als es das berühmte Dorf, welches es braucht, um ein Kind großzuziehen, in all seiner Ursprünglichkeit gab. Wir müssen in andere Länder blicken, ob dort das Dilemma der modernen Mutterschaft auch besteht oder ob es gelöst wurde und wenn ja, wie. Wir müssen selbst erfinderisch sein. Jede für sich. Hart? Schwierig? Ja. Aber zweifelsfrei besser, als sich für immer dem Hamsterrad zu verschreiben und sich vom und im Alltag zermahlen zu lassen.
Aber wo knüpft man an? Wichtige Fragen, um konkrete Probleme zu identifizieren und letztlich eine Lösung zu finden, sind:
Soll mein Alltag die nächsten zehn Jahre so aussehen, wie jetzt? Wie würde ich mein Leben gestalten, könnte ich es noch einmal ganz neu entwerfen?
Das Dilemma vor dem Dilemma
Das größte Problem sehe ich persönlich darin, dass ich mir der ganzen Thematik zu spät bewusst wurde. Ich hätte in der Vergangenheit die Möglichkeit gehabt, ein Leben vorzubereiten, wie ich es mir jetzt wünsche. Finanziell abgesichert, mit einer geringen Anzahl an Stunden, die ich wöchentlich einsetzen muss, um die Zuflüsse auf mein Konto aufrechtzuerhalten.
Vor meiner Schwangerschaft habe ich Jahre meines Lebens damit vergeudet, an den Wochenenden und in meiner Freizeit schlichtweg dem Alltag zu entfliehen, statt daran zu arbeiten, mir ein Leben und einen Alltag aufzubauen, der gänzlich eigenverantwortlich ist und keiner Flucht bedarf.
Auch die Wochen des Mutterschutzes vor der Entbindung habe ich in den Tag hineingelebt, mich mit der bevorstehenden Geburt und dem Wochenbett beschäftigt, statt an die Zeit nach dem Babyjahr zu denken. Doch selbst in diesen wenigen Wochen hätte ich mir Ziele setzen, Lösungen erdenken und Handlungsoptionen entwickeln können.
Das ist mein persönliches eigenes Dilemma – und vielleicht auch eures, wenn ihr immer noch diesen Beitrag lest: Mir wurde erst nach der Geburt meines Babys so richtig bewusst, dass es ein Danach gibt. Ein Danach mit einem benötigten Kindergartenplatz, mit einer Idee, wie ich Einkommen generiere, ohne angestellt zu sein und gleichzeitig viel Zeit für mein Kind habe. Denn das ist es, was ich persönlich möchte: Zeit mit meiner Tochter verbringen. Sie ist nur einmal klein. Sie hat nur eine Kindheit. Ich habe nur einmal die Chance, ihr eine gute Mama zu sein. Zeit ist das Kostbarste, was wir unseren Kindern schenken können.
Ich wollte immer erfolgreich sein, hatte aber nie eine konkrete Definition, was Erfolg eigentlich ist. Heute habe ich sie: Wenn meine Tochter als erwachsene Frau der Überzeugung ist, dass ich ihr eine gute Mama war, dass ich immer für sie da war, präsent war und sie gesehen und wahrgenommen habe, sie auf die Herausforderungen des Lebens gut vorbereitet habe – dann war ich in meinem eigenen Leben erfolgreich.

