„Besser als nichts.” — Der vermessene Blick auf ein Leben
Inhalt: was mein Garten ist, jenseits seiner Größe // warum das Urteil „besser als nichts" nicht trifft // vergangenes Vergleichen — abgelöst durch Dankbarkeit // warum Gärten seit jeher zwischen Repräsentation und Erfahrungsraum stehen // was der vergleichende Blick über die Betrachtenden sagt, nicht über das Betrachtete.
Ein Garten lässt sich in Quadratmetern vermessen und mit anderen vergleichen. Oder er lässt sich bewohnen. Über den Unterschied zwischen dem Blick, der misst, und dem, der wahrnimmt — und über einen Maßstab, der am Ende nicht dem Garten gilt, sondern dem Leben.
Vor kurzem hatte ich Besuch von einer Freundin. Sie war zum ersten Mal in unserer neuen Wohnung. Da der Garten einer meiner Lieblingsorte ist, führte ich sie auch dorthin. Außerdem war es ein herrlicher Sommertag und ich dachte, es wäre schön, wir würden uns ein wenig auf die Terrasse setzen.
Meine Freundin betrachtete den Garten, verglich die Größe unseres Sandkastens mit dem Sandkasten in ihrem Schrebergarten (ihrer sei nur halb so groß, meinte sie) und maß unseren Garten mit ihren Augen aus. „Nicht besonders groß." Erstaunt sah ich sie an und erwiderte, ich hielte unseren Garten, mitten in der Stadt gelegen und noch dazu in unserem Wohngebiet, für vergleichsweise groß. Sie erklärte, der Garten der Erdgeschosswohnung in dem Haus, welches sie mit ihrer Familie in einer der oberen Etagen bewohnt, sei mindestens doppelt so groß. In Bezug auf unseren Garten ergänzte sie: „Aber ist ja besser als nichts."
Ich wechselte das Thema. In der Situation hätte es mir albern erschienen, zu sagen, was dieser Garten mir bedeutet:
Es fängt schon in der Wohnung an — wenn ich am Küchentisch sitze, eine Mahlzeit einnehme oder am Laptop arbeite, schaue ich immer mal wieder aus dem Fenster, an das der Hartriegel mit seinen Zweigen fast heranreicht, auf die Wildrose, die sich an den Pfeiler an der Terrasse schmiegt, und weiter zum Kräuter- und Gemüsebeet, das ich mit meiner Tochter angelegt habe.
Stundenlang könnte ich beobachten, wie der Wind sanft Blätter und Zweige wiegt und wie sich das Muster der Sonnenflecken auf dem Rasen im Laufe des Tages — und des Jahres — ändert.
Vom Wohnzimmer aus kann man beide Achsen des Gartens sehen — aus einer ganz anderen Perspektive als in der Küche.
Auf der Terrasse sitzend, sehe ich auf die opulenten Rosen und Hortensien, auf die Obstbäume und die Wildblumen.
Und wenn ich direkt im Garten bin — Gartenarbeit ist für mich keine Arbeit, sondern Balsam für die Seele. Den Pflanzen beim Wachsen zusehen, den Früchten beim Reifen, planen und gestalten, säen und ernten. Barfuß im Gras, die Hände mit Erde bedeckt.
Es heißt, einen Garten betrete man nicht mit den Füßen, sondern mit dem Herzen.
Anders kann ich es auch nicht sagen.
Dieser Garten ist mein Wohlfühlort, ein Ort des Glücks, ein Ort, der mich mit mehr Freude erfüllt, als ich sie jemals in Worte gießen könnte.
Unvergleichlich ist es, wenn ich am frühen Morgen hinaustrete, während ringsum noch alles schläft, ich der Stille lausche, den Duft der Blumen atme, die frische Luft auf meiner Haut spüre und die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne durch die hohe, alte Kiefer im Nachbargarten lugen — als wäre die Sonne selbst so neugierig wie ich, wie weit die Knospen der Dahlien sind.
In diesen langen Augenblicken der Zeitlosigkeit, wenn die Ruhe der Nacht vorbei ist, aber die Geschäftigkeit des Tages noch nicht begonnen hat, empfinde ich Frieden — und das ferne Echo einer inneren Unbeschwertheit, einer Leichtigkeit, die längst verloren war, bevor dieses Leben begann.
Für mich ist dieser Garten ein Paradies — nicht nur im Sommer, das ganze Jahr über. Aber es ist nun mal Ende Juli, während ich das niederschreibe.
„Klein" jedenfalls wäre das letzte Adjektiv, welches mir einfiele, um diesen Garten zu beschreiben. Und das allerletzte, was mir einfiele, wäre „besser als nichts".
Was ich habe, ist genau das, was ich brauche — und gleichzeitig ist es unglaublich viel.
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Doch um zurückzukommen zum Ausgangspunkt: das eigentlich Bemerkenswerte ist nicht das Urteil meiner Freundin. Ich war verwundert darüber, was sie sagte. Getroffen hat es mich in keiner Weise — aber ich frage mich, ob sie die Schönheit nicht sehen kann, die ich sehe? Wieso die Vergleiche?
Als wir diese Gartenwohnung gekauft haben und bevor wir ein Jahr später eingezogen sind, habe ich auch verglichen: meinen künftigen Garten und die dazugehörige Wohnung mit den beeindruckenden Anwesen englischer YouTuberinnen, die in malerischen Dörfern wundervolle Landhäuser mit gigantischen Gärten und zugehörigen Waldflächen bewohnen. Das wollte ich auch: ein jahrhundertealtes Haus mit vielen Zimmern, Kaminen, Geschichte, prächtiger Küche, mit einer Gartenanlage mit Gewächshaus, natürlich am Rande eines kleinen Dorfes gelegen, mit weitem Blick über Wiesen, Felder und Wälder.
Unsere neue Wohnung musterte ich argwöhnisch, verglich, nahm Maß.
Doch sobald wir begonnen hatten, diese Wohnung für uns herzurichten, wollte ich all das nicht mehr. Ich begann, dankbar zu sein für das, was wir haben. Und mit dieser Dankbarkeit stieg meine Zufriedenheit, während die Sehnsucht nach einem Leben, das nicht meines ist, schwand.
Und nun? Nun wohnt mein Herz hier.
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Und während ich plane, was ich gestalten möchte, komme ich nicht umhin, an ein lang zurückliegendes Seminar über Gartenkunst zu denken. So sind Gärten schließlich nicht nur Pflanzräume, sondern in ihrer langen Historie auch immer wieder gestaltete Kunst- und Kulturformen, die auf Repräsentation angelegt sind.
In unserem digitalen Zeitalter hat Außenwirkung eine Bedeutung in der Breite der Gesellschaft bekommen, wie nie zuvor. In den sozialen Medien werden Räume aller Art massenhaft inszeniert. Die dadurch geprägten Sehgewohnheiten werden unüberlegt reproduziert und erzeugen Vergleiche hinsichtlich Größe und Zurschaustellung.
Doch für mich ist unser Garten durch das eigene Erleben zu einem Erfahrungsraum geworden, den wir bewohnen, als Außenraum unseres Zuhauses.
„Besser als nichts." Das ist nicht nur ein Blick auf Gärten.
Es ist der Blick, der ein Leben, ein Selbst am Vergleich misst und für zu klein befindet.
Umgekehrt gefragt: Überhöhe ich unseren Garten? Vielleicht. Doch wie könnte ich es nicht tun?
V E R W A N D T E T E X T E


Die Zahl der Kinder gilt als Ausweis: Wer mehr hat, soll mit mehr Recht sprechen. Doch Erfahrung summiert sich nicht zu einer Menge, und der Maßstab, an dem gemessen wird, kommt nie zur Ruhe — auf jeder Stufe heißt es, das Entscheidende beginne erst auf der nächsten.