Irgendwo in der Kälte: Island mit Kleinkind im Winter. Reisebericht Teil 1 – Golden Circle

island mit kleinkind

MITTWINTER. Lange, dunkle Nächte. Kurze Tage. SCHNEE. Schnee überall. Schneestürme. Schneeverwehungen. Autofahrten durch Schneewüsten. STILLE und WEITE. Und Pferde, natürlich! Kalte, klare Winterluft. LUFT zum ATMEN. Ein. Aus. Aus? Gleich bricht der Geysir aus! Wasserfälle bestaunen, IN HEISSEN QUELLEN BADEN. Eine bizarre Insel, geformt von GLETSCHERN und VULKANEN, von EIS und FEUER. Oder sind wir auf einem anderen Planeten?

 

PLANET ISLAND


Unsere Reise nach Island im Winter war eine der spektakulärsten, die ich je gemacht habe. Völlig ungeplant hatte mein Mann am Black Friday lächerlich günstige Flugtickets erworben und mit dieser für uns ungewöhnlich spontanen Kaufentscheidung eine ganze Welt voller Abenteuer geöffnet.

Schon beim Landeanflug auf die Insel unweit des nördlichen Polarkreises schlug mein Herz höher: Schnee. Eine endlose, weiße Weite lag unter uns. Was kann man beim Blick aus einem Flugzeugfenster schon sehen? Genug, dass der Funke übersprang.

Island ist wahrlich ein anderer Planet. Das stellten wir schnell fest, als wir in eines der rauesten und schönsten Länder dieser Erde eintauchten. Ausnahmezustand fürs Auge. Sehgewohnheiten auf dem Prüfstand. Ästhetische Superlative überall.

Im Winter liegt die größte Vulkaninsel der Welt unter einer Decke aus Schnee und Dunkelheit. Dafür strahlt wenige Stunden am Tag das schönste Licht und lässt atemberaubende Landschaften Gestalt annehmen. Landschaften, die durch die aktiven Vulkansysteme der Insel immer wieder neu geformt werden.

Auch das Wasser wird zum Bildhauer, arbeitet Schneisen, Schluchten und Pfade in das Land, wo es sich Felsen und Berge hinunterstürzt. Ein Land, das Geschichten erzählt. Zumindest jenen, die bereit sind, hinzusehen und zuzuhören.


ANKUNFT IN ISLAND


Es war früher Nachmittag, als wir auf dem Flughafen Keflavík landeten. Unsere erste Unterkunft war irgendwo im Nirgendwo nahe des Sees Laugarvatn. 126 km vom Flughafen, knapp zwei Stunden Fahrtzeit. Da wir uns in den nächsten drei Wochen komplett selbst versorgen wollten, mussten wir unbedingt Lebensmittel einkaufen. Doch wir hatten nach der Landung etwas getrödelt und das Abholen des Mietwagens und Befestigen des Kindersitzes dauerte länger, als geplant. Letztlich war es zu spät zum Einkaufen; die Dichte an Supermärkten ist eh geringer als andernorts und viele Geschäfte schließen gegen 18 oder 19 Uhr. In weiser Voraussicht hatte ich für den ersten Tag Lebensmittel mitgebracht, um zumindest ein Frühstück herrichten zu können.

Die Fahrt zu unserem Cottage war abenteuerlich. Um 17 Uhr war es bereits stockdunkel. Die Straßen waren zugeschneit; Spurrillen gab es kaum. Der Verlauf der Straßen war nur durch die Leitpfosten zu erahnen. Im Winter in Island in Dunkelheit zu fahren, ohne die Strecke zu kennen, ist nicht unbedingt vergnüglich. Als wir endlich an der Hütte angekommen waren, blies uns der Wind eisig um Nase und Ohren. Mit kältestarren Fingern schloss mein Mann die Tür auf – wohlige Wärme und schummriges Licht hießen uns willkommen.

Am nächsten Morgen erwachten und frühstückten wir im Cottage, das noch immer von Dunkelheit umgeben war. Draußen konnte man die Hand vor Augen nicht sehen. Dann war es soweit. Um halb elf ging die Sonne auf. Der Blick aus den bodentiefen Fenstern unserer behaglichen Hütte war atemberaubend. Eine fühlbare Stille lag über der Weite des schneeweißen Landes. Als ich mit meinem Kind nach draußen trat, um im Schnee zu spielen, merkte ich es: Der Himmel ist hier der Erde näher. Es wirkt aber nicht bedrückend, sondern friedvoll – schützend.

island mit kleinkind laugarvatn

Für den Rest meines Lebens hätte ich hier sitzen können und in die Weite blicken.

Zum Genießen würden wir noch drei Wochen Zeit haben; nun mussten wir erstmal schnell los: Fünf Stunden Tageslicht verblieben zum Einkaufen. Der nächste größere Supermarkt war 42 km entfernt, in der kleinen Stadt Selfoss. Am günstigsten ist es übrigens bei Bónus. Empfohlen aufgrund besserer Qualität und Auswahl wurde uns Krónan. Die Qualität von Obst und Gemüse ist trotzdem… mäßig. Man merkt am Sortiment schnell, dass das Gros der Produkte ins Land importiert wird.

Tatsächlich rein zufällig führte unser Weg vorbei an einer ersten Sehenswürdigkeit, dem Kratersee Kerið. Die Wände des Kraters bestehen aus rötlichem Gestein, das mit dem blauen Wasser des Sees einen interessanten Kontrast bilden soll – im Winter haben wir davon freilich nichts gesehen. Übrigens ist es Grundwasser, das den Kratersee bildet; der Wasserstand des Sees zeigt also den Grundwasserstand der Gegend an.

island mit kleinkind kerid

Kerið im Schnee.

Zurück am Cottage spazierten wir noch zu einer nahegelegenen Weide. In der kurzen Zeit hatten wir bereits einige Islandpferde vom Auto aus gesehen; jetzt wollten wir die beeindruckenden Tiere aus nächster Nähe bewundern.

Bei jedem Wetter sind sie draußen; der isländische Winter kann ihnen nichts anhaben. Anders die Kühe und Schafe, die nur in den Sommermonaten Schutz des Stalls verlassen dürfen. Islandpferde sind wahrlich gemacht für dieses Land: stark, widerstandsfähig, hinreißend schön.

island mit kleinkind weg

Auf dem Weg von unserem Cottage zur Pferdeweide.

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Der Blick zurück zu den Hütten auf dem Farmland, von denen wir eine für einige Tage unser zu Hause nennen durften.

island mit kleinkind pferde

DER OBLIGATORISCHE GOLDEN CIRCLE


HEISSE SPRINGQUELLEN IN EINEM DAMPFENDEN TAL

Natürlich waren wir in der Gegend, um den legendären Golden Circle zu machen. Nicht im Eiltempo an einem einzigen Tag. Wir hatten Zeit mitgebracht.

Am nächsten Tag fuhren wir ins Geothermalgebiet Haukadalur, was übersetzt „Tal der Greifvögel“ bedeutet. Der Weg vom Parkplatz führt vorbei an Fumarolen, an denen Wasserdampf und vulkanische Gase austreten. Intensiver Schwefelgeruch liegt in der Luft. Der Große Geysir, der allen anderen geothermalen Springquellen dieser Welt ihren Namen gab, liegt in einem tiefen Schlaf, aus dem er nur unregelmäßig erwacht.

Der benachbarte Geysir Strokkur stößt etwa im Zehnminutentakt eine Fontäne aus Wasser und Dampf aus. In Erwartung der Wassersäule war ständig ein ganzes Publikum um die Absperrung versammelt. Nach jedem Ausbruch lösten sich die fest auf den Bildschirm der Smartphones gerichteten Blicke und die Daumen, die auf den richtigen Moment zum Auslösen des Fotos verharrt hatten, entspannten sich wieder. Die Menge zog weiter. Auf zur nächsten Attraktion. Die Tage sind schließlich kurz, die zu fahrenden Kilometer viele und die Punkte auf der Liste noch nicht in Gänze abgehakt. Welchen Wert hat ein Naturschauspiel, das nur mittelbar über einen Bildschirm wahrgenommen wird? Welchen Sinn hat es, dann überhaupt noch selbst vor Ort zu sein? Welche Erinnerung bleibt jenen, die verlernt haben, zu verweilen, zu genießen und wahrhaftig hinzusehen?

island mit kleinkind haukadalur
island mit kleinkind haukadalur schnee

Später an diesem Tag fuhren wir auf dem Rückweg wieder an Haukadalur vorbei. Schneefall hatte die Landschaft völlig verändert.

island mit kleinkind haukadalur im schnee
 

DER GOLDENE WASSERFALL UND SEINE HÜTERIN

Anschließend ging es weiter zum Gullfoss. In zwei Stufen stürzt sich hier der Fluss Hvítá in die Tiefe des Gullfossgjúfur-Canyon. Es gibt mehrere Wanderwege und Aussichtsplattformen. Im Winter sind aufgrund von Eis und Schnee nicht alle davon begehbar.

 

Dass der mächtige Wasserfall noch in seiner Ursprünglichkeit erhalten ist, ist der ersten Umweltschützerin Islands zu verdanken. Sigrídur Tómasdóttir kämpfte im frühen 20. Jahrhundert gegen einen Investor aus England, der hier ein Wasserkraftwerk errichten wollte. Sigrídurs Vater war Eigentümer des Landes, auf dem sich auch der Gullfoss befindet, hatte dieses aber an den Engländer verpachtet. Sigrídur agierte entschlossen und ausdauernd: Sie klagte vor Gericht, engagierte einen Anwalt, lief die über 100 km lange Strecke nach Reykjavík mehrmals zu Fuß, um ihn und Regierungsvertreter zu treffen und drohte gar damit, sich selbst in die Fluten zu stürzen. Es dauerte mehr als 20 Jahre, bis der Geschäftsmann schließlich aufgab.

Sigríðurs Rechtsvertreter war übrigens Sveinn Björnsson, der später der erste Präsident Islands werden sollte.

Eine Frau ohne Ausbildung, die ihr ganzes Leben auf einem Bauernhof verbrachte, zeigt auch heute noch, was möglich ist, wenn man nur bereit ist, seine Ziele zu verfolgen. Sigríður Tómasdóttir und ihre Wertschätzung für die Natur sind noch heute vorbildhaft für ihre Landsleute – und sollten es für die ganze Welt sein.

 

Am Gullfoss zeigte sich uns erstmals die Schnelllebigkeit des isländischen Wetters: Als wir ankamen, lag kaum Schnee. Doch während wir zu einer Aussichtsplattform spazierten, setzte feiner Hagel ein und ein eisiger Wind zog auf, wodurch sich die winzigen Hagelkörner wie Nadelstiche im Gesicht anfühlten. Unsere kleine Tochter hasste es und war außer sich. Wir flüchteten rasch in den großen Souvenirshop am Parkplatz und verweilten dort eine knappe Stunde. Draußen fielen nun dicke Schneeflocken. Als wir wieder ins Freie traten, war alles weiß. Nun sah der Wasserfall ganz anders aus, als eine Stunde zuvor.

island mit kleinkind gullfoss

Gullfoss: Vorher

island mit kleinkind gullfoss schnee

Gullfoss: Nachher

 

ZWISCHEN ZWEI TEKTONISCHEN PLATTEN

Das erste Licht des nächsten Morgens offenbarte uns eine Wintermärchenwelt: weiches Zwielicht ergoss sich über die endlos weite Schneelandschaft, die sich unter einem blassrosa-zartblauem Himmel ausbreitete.

Die Islandpferde in unserer Nachbarschaft.

Unbeeindruckt bahnte sich der Jeep mit Allrad-Antrieb den Weg nach Þingvellir. Der Nationalpark ist gleichermaßen ein Natur- wie Kulturdenkmal. An diesem Ort wurde vor über 1.000 Jahren das isländische Parlament gewählt. Bei den jährlichen Zusammenkünften wurden Gesetze erlassen, Streitigkeiten geschlichtet und Recht gesprochen. Der Name Þingvellir kann mit „Ebene der Volksversammlung“ übersetzt werden.

Fast berühmter als die kulturelle Bedeutung ist die geologische von Þingvellir: Hier driften die nordamerikanische und die eurasische Kontinentalplatte auseinander. Inzwischen haben sich beide Platten sieben Kilometer voneinander entfernt. Dass man hier zwei tektonische Platten gleichzeitig berühren könne, ist eine Mähr, die bei vielen Besuchern noch immer weit verbreitet ist. Es gibt aber Stellen, etwa am Service Center des Nationalparks, von denen aus beide Platten gleichzeitig zu sehen sind.

Durch das Auseinanderdriften der Erdplatten ist ein Tal entstanden, das sich auf gar keiner tektonischen Platte befindet. Der Boden dieses Tals senkt sich jedes Jahr weiterhin ab.

Besonders bekannt ist die mit Gletscherwasser gefüllte Silfra-Spate, in der gern getaucht und geschnorchelt wird. Das ist übrigens auch im Winter möglich.

Im Sommer gibt es hier ein gutes Netz an Wanderwegen. Im Winter ist Wandern leider nicht möglich, da die Wege nicht präpariert und demzufolge gesperrt sind.

 

EIN BAD IN DER SECRET LAGOON


 
blue lagoon oder secret lagoon island mit kleinkind
 

{ Vertiefender Beitrag: Secret Lagoon oder Blue Lagoon?; lest hier, welche der berühmten heißen Quellen Islands geeignet für Familien mit Kleinkindern ist. }


Wir verbrachten eine letzte Nacht in dem behaglichen Cottage mit der spektakulären Aussicht. Am nächsten Tag sollte es weiter gehen, an die Südküste Islands. Immer wieder sah ich im Laufe des Vormittags hinaus durch die Fensterfront in das weite, schneebedeckte Land. In den frühen Morgenstunden war wieder ein wilder Schneesturm aufgezogen.

Als dieser sich gelegt hatte, wagten wir uns nach draußen, um das Gepäck im Auto zu verstauen. Zwar stürmte es nicht mehr, aber windig war es. Und wie. Mit eisiger Wucht peitschte der Wind uns in die Gesichter. So stark war er, dass wir die Autotür kaum öffnen konnten.

Doch als wir endlich zum Aufbruch bereit waren, ging nichts mehr. Trotz Allradantrieb. Der Schnee war höher als die Reifen des Jeeps. Unsere Vermieter sicherten Hilfe zu. Wir gingen zurück in die Hütte. Nach etwa einer Stunde kam ein Traktor, der den Weg freiräumte und uns bis zur Hauptstraße geleitete.

Wir wählten nicht den direkten Weg zu unserer nächsten Unterkunft an der Südküste, sondern fuhren einen Umweg über die Secret Lagoon. Das von außen unscheinbar wirkende Thermalbad war eines der Highlights dieser ohnehin spektakulären Reise. Bei -5 °C Außentemperatur im knapp 40 °C warmen Wasser zu baden schenkte uns allen Ruhe und Entspannung. Zudem hatten wir das Glück, dass wir zu einem Zeitpunkt das Bad besuchten, als dieses nur wenig besucht war.

 

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