MARGINALIEN — Ausgabe 4, November 2026

 

DIE MINIATUR

Fehlstellen

Neulich hatten wir Besuch. Ihm gefiel unsere Wohnung: die Farben an den Wänden und vor allem die Einrichtung. Er habe eine Vorliebe für alte Möbel, erzählte er mir. Das war der Anlass für mich, den Besuch zu unserem Bücherschrank zu führen.

Dieser Bücherschrank ist bei weitem nicht das älteste Stück, das wir haben, und auch nicht das schönste. Nicht einmal das im besten Zustand. Aber uns verbindet etwas.

Er ist übrig geblieben, ein Rest. Seine Bestandteile waren einst Komponenten einer geradezu monströsen Schrankwand, die mein Vater vor einem halben Jahrhundert bei einem Schreiner in Auftrag gegeben hatte. Viele Umzüge hat sie mitgemacht, ihre Gestalt gewandelt, sich an neue Räume, neue Konstellationen von Menschen und Möbeln angepasst, und ist jetzt nur noch in Fragmenten erhalten. Als Bücherschrank eben.

Gefertigt in einer kleinen Schreinerei nach individuellem Auftrag hatte sie Charakter, von jeher.
Wie mein Vater. Und wie die einst große Kernfamilie meines Vaters mit insgesamt acht Kindern, von denen nur noch zwei am Leben sind, ist auch sie geschrumpft.

Ich vermisse, was fehlt. Tanten und Onkel, riesige Schubladen, ausgekleidet mit waldgrünem Stoff, in den meine kindlichen Fingernägel Linien ziehen konnten, und die große Klappe, hinter der sich die Minibar verbarg.

Ohne dass mein Blick nach oben wandern muss, sehe ich eine weitere Fehlstelle: die Kranzleiste. Sie ist gerade fort, da ich sie von einem Schreiner neu anpassen lasse. Ich habe den Überblick verloren, wie häufig das schon geschehen musste.

Bücherschrank mit Sammelbänden, Bücherstapel mit Holzmaus als Lesezeichen, Nahaufnahme von zwei Bücherreihen im Regal übereinander

AUS DEM ARCHIV

Mutterschaft — vor der Sprache

Fast alle Worte, die für Mutterschaft und Identität kursieren, sind so gebaut: Sie setzen voraus, dass etwas verloren geht. Was tatsächlich passiert, liegt noch vor der Sprache.


DAS FUNDSTÜCK

Verzeichnis einiger Verluste

Ein Buch über das Bewusstsein der Endlichkeit, eine Philosophie der Kostbarkeit. „Wie eine Hohlform lässt die Erfahrung des Verlusts die Umrisse dessen, was zu beklagen ist, hervortreten [...]“ (Judith Schalansky, Verzeichnis einiger Verluste, Suhrkamp 2018, Vorwort.)

Die Hohlform ist das Gegenstück der Skulptur — ein Hohlraum, der das spätere Werkstück als Negativ definiert und durch Befüllen den positiven Abguss, also das eigentliche Objekt, erzeugt. Sie bewahrt, was nicht mehr Teil von ihr ist — es sei denn, sie muss, wie im Bronzeguss, zerstört werden, um den Rohguss zu befreien.

Judith Schalansky, Verzeichnis einiger Verluste, 2018.

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MARGINALIEN — Ausgabe 3, Oktober 2026