Elternzeit Roadtrip Kanada: Reisebericht Teil 1

Elternzeitreise Kanada. Roadtrip mit Baby – pardon, Roadtrip mit Kleinkind. Und mit Wohnmobil. Sechs Wochen durch den Südwesten des zweitgrößten Landes der Erde. Dies ist der erste Teil meines Reiseberichts, in dem ich euch von den ersten zwei Wochen unseres Roadtrips in Alberta, dem Land der Wildrosen, erzähle. Von Calgary aus führte unser Weg in die atemberaubende Natur von Bow Valley sowie in die berühmten Nationalparks Banff und Jasper. Ihr erhaltet hier Tipps für eure eigene Reise, eure Route und lest von meinen persönlichen Erfahrungen und Eindrücken als Mama, die sich noch nicht ganz daran gewöhnt hat, dass ihr Baby kein Baby mehr ist, sondern ein Kleinkind.

 

Dieser Beitrag ist Teil 1 eines dreiteiligen Erfahrungsberichts über unseren Roadtrip in Kanada in der Elternzeit. Seid ihr lediglich an Bildern unserer Reise interessiert, findet ihr diese hier.

 

ROADTRIP KANADA IN DER ELTERNZEIT


Für unseren Roadtrip hatten wir vor Ort ein Wohnmobil gemietet. Diese Option war für uns mit 13 Monate altem Kleinkind die beste. Welche entscheidenden Vorteile Wohnmobile bieten, wenn man mit kleinen Kindern reist, könnt ihr hier nachlesen.

Hinzu kam, dass ein Roadtrip mit Wohnmobil kostengünstiger war, als die Variante mit Mietwagen und Hotelzimmern. Auf diese Weise konnten wir bei annähernd gleichbleibendem Budget mit Wohnmobil 10 Tage länger unterwegs sein, als mit Mietwagen. Trotzdem ist es wichtig, so früh wie möglich zu buchen – wir haben Ende 2022 für Sommer 2023 gebucht und konnten beobachten, wie die Preise für Wohnmobile von Woche zu Woche stiegen.


ROADTRIP KANADA ROUTE


CALGARY

Die Stadt ist das Tor zu den Canadian Rockies. Leider hielten wir uns hier nicht länger auf, denn die Stadt hat wohl doch einiges zu bieten. Empfehlenswert etwa soll das Heritage Park Historical Village sein; ein den 1860er Jahren nachempfundenes Dorf. Hier kann man in die Geschichte des Wilden Westens Kanadas eintauchen und mit Dampflokomotive, Planwagen oder Schaufeldraddampfer fahren.

Wir haben in Calgary lediglich unser Wohnmobil abgeholt und die ersten Großeinkäufe erledigt. Bei der Abholung des Wohnmobils gab es unerwartete Probleme, weshalb wir unseren Roadtrip mit einem Tag Verspätung antreten mussten. Aufgrund des Stresses haben wir vergessen, zu IKEA zu fahren und einen Hochstuhl zu kaufen. Auf unserer gesamten Route waren Calgary und Vancouver allerdings die einzigen größeren Städte. So gibt es auch erst in Vancouver wieder das nächste IKEA. Deshalb mussten wir später einen Hochstuhl bei Walmart kaufen. Dieser war deutlich teurer und wir waren mit der Qualität dieses amerikanischen Modells nicht zufrieden.

 

Unterkunft: Alt Hotel Calgary East Village: Empfehlenswertes Hotel mit modernen, schönen und vor allem sehr sauberen Zimmern. Das Frühstücksangebot im Restaurant ist für europäische Gaumen zu fettig und hat eher Fast Food Charakter. Aber der Tee ist ausgezeichnet.

 

BOW VALLEY PROVINCIAL PARK

Unser erstes Ziel war ein abseits der Touristenströme gelegener Provincial Park. Der Bow Valley Provincial Park ist ein echter Geheimtipp! Wenngleich es hier deutlich weniger Besucher*innen gibt, als in den berühmten Nationalparks, ist es landschaftlich nicht minder schön. Sattgrüne Wiesen, dichte Wälder, eine reiche Fluss- und Seenlandschaft zeichnen den von phantastischen Bergpanoramen umgebenen Park aus. Ein Ort, um Stille zu genießen. Bei den kleinen Wanderungen, die wir unternommen haben, hatten wir fast immer einen Blick auf kristallklares Wasser.

Wie vielerorts in Kanada kann man im Bow Valley Provincial Park die typischen Outdoor-Aktivitäten unternehmen: wandern, klettern, Wildtiere und Vögel beobachten oder Kanu und Kajak fahren.

Besonders aufregend für uns: Hier war es, wo unsere Kleine erstmals draußen gelaufen ist. Auf einem der typischen schmalen Trails, die von den Campingplätzen in Provincial oder National Parks abgehen, ist sie zum ersten Mal über Erde, Wurzeln, Stöcke und Steine gegangen. Zunächst noch unsicher, meist an der Hand von Mama oder Papa. Während unserer Reise verbesserte sie ihre Fähigkeiten enorm und ging am Ende geschickt voran.

 

Unterkünfte: Bow Valley Campground & Willow Rock Campground; zwei wunderschöne Campingplätze, sehr zu empfehlen. Die meisten Stellplätze sind kleine Buchten, völlig geschützt von den Blicken der Nachbarn. Bow Valley Campground ist – obwohl nur auf der anderen Seite des Highways – etwas idyllischer gelegen und hier gibt es einen kleinen Store, in dem es alles Notwendige zu kaufen gibt.

 

BANFF NATIONAL PARK

CANMORE & BANFF TOWN

Sowohl Banff Town, aber auch das etwas größere Canmore sind kleine Ortschaften, die einen Besuch lohnen. In beiden Orten sind die Einkaufsmöglichkeiten zahlreich und neben den herkömmlichen Souveniershops gibt es hübsche Independent Stores und viele Galerien lokaler Künstler*innen. Insbesondere Banff ist ein echtes Shopping-Paradies und schafft es dabei trotzdem, sein charmantes, provinzielles Flair zu bewahren.

Für den Kauf von Lebensmitteln und Waren des täglichen Bedarfs sind wir stets nach Canmore gefahren, da es hier ein wenig günstiger ist. Banff ist eindeutig der Ort mit den Touristenpreisen. In Canmore gibt es zudem ein zauberhaftes Geschäft für die Kleinsten: Mountain Littles.

 

Unterkunft: Tunnel Mountain Village 1; sehr großer Campingplatz mit über 800 Stellplätzen, aber gut aufgeteilt, ausreichend Abstand zwischen den Stellplätzen, gepflegt, reicher Baumbestand, großartiger Blick auf die Berge und deshalb empfehlenswert. Am schönsten in der Gegend soll der kleine Two Jack Main Campground sein.

 

MORAINE LAKE & LAKE LOUISE

Moraine Lake und insbesondere Lake Louise gehören zu den Orten, deren Besuch einem unbedingt empfohlen wird, wenn man nach Banff National Park kommt.

Am Lake Louise gibt es nur einen kleinen Parkplatz mit 150 Stellplätzen, die morgens um 7 Uhr bereits belegt sind. Die Straße zum Moraine Lake ist seit 2023 für private Fahrzeuge gesperrt. Deshalb haben wir uns für ein Shuttle vom Park & Ride Parkplatz entschieden. Gebucht haben wir einen Abend zuvor bei Parks Canada (die, meiner bescheidenen Meinung nach, die User-unfreundlichste Website überhaupt haben) und noch die letzten zwei Sitzplätze im Bus ergattert. Es gibt auch private Shuttles, aber die Preise sind etwa fünfmal so hoch.

Der Wecker klingelte 4:45 Uhr. Wir haben uns nur angezogen und sind dann sofort aufgebrochen. Die Straße zum Park & Ride ist von 22:00 bis 6:00 Uhr gesperrt und an diesem Tag dauerte es 20 Minuten, bis die Schranken geöffnet wurden. Die wartenden Fahrzeuge stauten sich zurück bis zum Highway.

Hier liegt einer der großen Vorzüge des Wohnmobils: Aufstehen, anziehen, losfahren – ohne dabei das Fahrzeug verlassen zu müssen. Während der Wartezeit an der geschlossenen Schranke haben wir Eiskaffee aus dem Kühlschrank getrunken und Zimtschnecken gegessen. Am Park & Ride Parkplatz angekommen habe ich unsere Tochter, die inzwischen aufgewacht war, nochmal gestillt, bevor wir zum Bus gelaufen sind. Ein größeres Maß an Bequemlichkeit ist wohl nicht zu erreichen.

Als wir mit dem Shuttle am Moraine Lake ankamen, gehörten wir zu den ersten Besucher*innen des Tages. Es war ein kühler Morgen. Die Sonne schien inzwischen, spendete aber noch keine Wärme und ein großer Teil des Sees war noch im Schatten der Berge. Spiegelglatt lag die Wasseroberfläche vor uns. Als würde der vom Gletscher gespeiste See selbst noch im tiefen Schlummer liegen. Was für ein Anblick! Türkisfarbenes Wasser, umgeben von schroffen Berghängen und tiefgrünen Nadelwäldern unter einem wolkenlosen Himmel.

Nachdem wir die Schönheit des Moraine Lake genossen hatten, machten wir eine kurze Wanderung zu den Consolation Lakes. Am Ausgangspunkt der Tour weist ein Schild darauf hin, dass Wanderer*innen sich in Gruppen von mindestens vier Personen zusammenschließen und Bärenspray bei sich tragen sollen.

Wir sind gemeinsam mit einem Paar aus Pennsylvania und ihrer zweijährigen Tochter losgezogen, die wir kurz zuvor getroffen hatten. Der größte Teil des Wegs führt durch Wald, entlang an einem rauschenden Gebirgsbach. Um zum Seeufer zu gelangen, muss man am Ende über ein Feld aus großen Felsblöcken klettern. Mit Baby in der Trage war das durchaus herausfordernd. Aber es hat sich gelohnt.

Wandern mit Kleinkind ist anders. In der Vergangenheit haben wir lange, schwierige Touren gemacht. Diese Zeiten sind vorbei. Den Schwierigkeitsgrad der Route passe ich nun der Tatsache an, dass ich meine Tochter in der Trage habe. Früher hat es schon ein Unwetter benötigt, um uns von einer Wanderung abzuhalten. Jetzt ist allein Regen plötzlich ein Problem. Und überhaupt: Wie ist Baby’s Befindlichkeit? Nur, weil unsere Kleine grundsätzlich gern in der Trage ist, will ich das nicht auf Gedeih und Verderb ausnutzen. Eine Tagestour würde bedeuten, dass sie kaum Zeit zum Spielen, Laufen und Entdecken hätte.

Das Paar aus Pennsylvania trug ihre zweijährige Tochter in einer Kraxe – sie wechselten sich dabei ab; mal Mama, mal Papa. Ihren Unmut darüber äußerte die Kleine wiederholt. Sie wollte auf Mamas Arm. Manchmal wollte sie auch selbst laufen. Oder einfach nur eine Blume am Wegesrand genau untersuchen. Die Eltern hatten Mühe, im von ihnen vorgesehenen Tempo voranzukommen. Sie scheiterten. Entschuldigten sich bei uns. Wir winkten ab, versicherten, dass wir es nicht eilig hätten. Das Mädchen wurde angefeuert, angetrieben, bestochen. Sie tat mir leid. Sie hatte nichts von der Wanderung. Ihre Mama tat mir leid. Sie hatte nicht das von der Wanderung, was sie sich erhofft hatte. Wie wir, hatten die Eltern früher, bevor sie Eltern wurden, ausgiebige Bergtouren unternommen. Aber früher ist vergangen. Auch ich muss mich daran gewöhnen. Aber ich will nie für mich etwas durchziehen und mein Kind mitzerren. Denn mit Kind wird eben alles anders. Man kann nun mal nicht mehr das machen, was man vorher gemacht hat. Es manchmal zu wollen, ist sicher menschlich. Es unbedingt zu versuchen, ist dumm. Es nicht zu versuchen, schwerer, als man vermuten könnte.

Zurück am Moraine Lake stand die Sonne hoch am Himmel, die Luft war warm und erfüllt vom Krach unzähliger Tourist*innen. Der Tag und der Ort hatten einiges von ihrem Zauber verloren. Wir fuhren mit dem Shuttle weiter zum Lake Louise. Dort war es ebenso voll und die allgemeine Begeisterung für diesen Flecken Erde sprang nicht auf mich über. Landschaftlich schön, keine Frage, aber nicht außergewöhnlich. Kein Charme. Die meisten Besucher*innen nahmen das Naturerlebnis scheinbar nur mittelbar auf – den Blick fest auf Kamera oder Smartphone gerichtet. So entstand hier erstmals dieses unangenehme Gefühl, dass es bei dem Besuch vermeintlich besonderer Orte nur darum geht, einen Punkt auf einer Liste abzuhaken. Herkommen, Foto machen, weiterfahren, nächstes „Must-see“.

Fazit: Der Moraine Lake ist zweifelsfrei ein wundervoller Ort und wer früh aufsteht, wird reich belohnt. Lake Louise dagegen ist meines Erachtens absolut keine Reise wert. Empfehlenswerter sollen Lake Minnewanka und Lake Peyto sein.

 

WANDERUNG: TUNNEL MOUNTAIN NACH BANFF

Eine der schönsten Wanderungen, die wir in Kanada gemacht haben, mit der spektakulärsten Aussicht und in einer Landschaft, die genau so ist, wie man sich das Land vorstellt: Wald, Berge, klare Gebirgsbäche in gigantischen Dimensionen.

Wir starteten die als moderat geltende Tour, die unserem Empfinden nach aber eher als leicht einzustufen ist, direkt von unserem Campingplatz aus. Der Wanderweg selbst war an diesem Tag kaum frequentiert; lediglich am direkt am Highway gelegenen Aussichtspunkt über das Water Valley drängten sich die Besucher*innen. Nachdem wir diesen hinter uns gelassen hatten, konnten wir den Trail, der durch Wald, über Wiesen und am Fluss entlangführte, in Ruhe genießen – abgesehen von dem Donnergrollen hinter dem nächstgelegenen Berg. Argwöhnisch beobachteten wir, wie die Wolken sich auftürmten und beschlossen trotzig, der Sonne zu vertrauen, die uns weiterhin Geleit gab.

Fast im Tal angelangt, kamen wir an zwei der riesigen Wapiti-Hirschkühe vorbei. Sie lagen auf einer kleinen Lichtung im Schutz des Waldes. Und sie hatten ein Kälbchen dabei. (Kälbchen ist gut; schon die Kleinen sind fast so groß wie unsere ausgewachsenen heimischen Rothirsche.) Ein einzelner Wanderer hatte uns vor der Gruppe gewarnt; wir passierten die Tiere zügig in möglichst weitem Bogen, ohne Blickkontakt zu suchen, um sie nicht zu provozieren. Die meisten unerfreulichen Begegnungen zwischen Menschen und Wildtieren sind jene mit Wapiti-Hirschen. Sie sehen aus wie sanfte Riesen, können aber äußerst aggressiv sein – insbesondere Muttertiere, die ihre Kälber beschützen wollen.

Mit dem Wetter hatten wir übrigens Glück: Der Himmel wartete mit dem Öffnen seiner Pforten, bis wir in Banff angekommen waren und die Schaufensterauslage eines Spielwarengeschäfts uns ins Innere gelockt hatte.

 

ICEFIELDS PARKWAY

Reisen mit Baby oder Kleinkind bedeutet, an einem Tag eine Wanderung zu unternehmen, bei der das winzige Mädchen entweder schläft oder es genießt, in der Trage zu sein und am nächsten Tag von geplanten 300 km Fahrtstrecke nicht ansatzweise die Hälfte zu schaffen, weil die Kleine keine Lust auf Kindersitz hat.

Und so gelang es uns nicht, innerhalb eines Tages von Banff Town nach Jasper Town zu fahren. Auch innerhalb von zwei Tagen war es nicht möglich. Wir brauchten drei. Rückblickend wäre es sinnvoller gewesen, das von Anfang an so zu planen. Erstens ist die Strecke einfach zu lang, wenn man mit Kleinkind unterwegs ist. Zweitens ist der Icefields Parkway, der die beiden Ortschaften verbindet, eine landschaftlich spektakuläre Route, für die man sich einfach mehr Zeit nehmen sollte, statt sie nur abzufahren. Berühmt ist der Highway für die vielen Gletscher, die der Straße ihren Namen gaben.

 

Unterkünfte: Waterfowl Lakes Campground & Honeymoon Lake Campground; diese beiden Campingplätze, die wir ungeplant zur Übernachtung nutzten, waren wirklich idyllisch gelegen und andere nutzten sie als Ausgangspunkt für verschiedene Outdoor-Aktivitäten.

 

JASPER NATIONAL PARK

TOWN OF JASPER

Bei unserer Ankunft regnete es in Jasper in Strömen. Es war der 1. Juli. Canada Day; Nationalfeiertag. Im Jahr 1867 hatten die Kolonien einen gemeinsamen Bund gebildet, der zur Gründung Kanadas führte. Als wir auf dem Campingplatz ankamen, hat man uns stolz davon erzählt und eine kleine kanadische Flagge überreicht. Die Parade im Ort haben wir leider verpasst, sahen aber noch die zahlreichen, in Nationalfarben geschmückten Besucher*innen.

Der kleine Ort ist noch provinzieller als Banff, hat aber ebenso seinen ganz eigenen Charme. Es gibt deutlich weniger Geschäfte und die Preise für Lebensmittel sind höher als in Banff bzw. Canmore. (Aber immernoch günstiger als in British Columbia, wie sich später herausstellen würde.)

Meine persönliche Mission des Tages war es, eine Yoga-Matte zu erstehen. Auf der einzigen Einkaufsstraße des Städtchens fanden wir schnell ein Schaufenster mit Yoga-Matten in der Auslage. Direkt davor begegneten wir auch noch Juliana Spicoluk und ihrer Familie vom YouTube-Kanal Boho Beautiful Yoga. Ein kurioser Moment. Der Store gehört zu dem Label LOLË aus Québec, das Yoga-Ausrüstung und Athleisure Style anbietet. Die Sachen sind schön und modern, die Stoffe qualitativ einwandfrei und insgesamt ist LOLË eine günstige und nachhaltige Alternative zu lululemon. Die leuchtend gelbe Yoga-Matte für weniger als umgerechnet 25 Euro liebe ich.

Und was macht man in Jasper sonst, wenn man nicht gerade Yoga-Ausrüstung erwirbt? Wandern und Wildtiere beobachten. Los geht’s.

 

WANDERUNG: VALLEY OF FIVE LAKES TRAIL

Ein Trail, fünf Seen. Klingt vielversprechend? Das dachten sich auch andere; der überschaubare Parkplatz war voll und mit Wohnmobil mussten wir gegen 10 Uhr vormittags fast eine dreiviertel Stunde warten, bis wir einen Platz bekamen. Wer mit Auto unterwegs war, hatte es hier leichter.

Am ersten See kann man direkt ans Ufer gehen. Allerdings ist es so dicht bewachsen, dass nur eine Person am Aussichtspunkt Platz findet. Ich stand da, betrachtete den See. Atmete. Fühlte Stille. Einen Wimpernschlag lang. Dann bemerkte ich, dass sich hinter mir eine Ansammlung von sechs oder mehr Leuten gebildet hatte, die Smartphones schon im Anschlag, ungeduldig darauf wartend, dass die Frau mit dem Baby endlich zur Seite rücken würde. Da war es wieder: Liste abhaken. Nicht im Moment sein, sondern nur beim Fotomotiv. Und dann beim nächsten.

Ja, auch ich fotografiere. Ja, auch ich denke darüber nach, was ich in Social posten könnte. Aber hinterher, nicht währenddessen. Währenddessen versuche ich, mit allen Sinnen im Augenblick zu bleiben. Und später, wenn ich dann etwas posten möchte, stelle ich oft fest, dass ich nicht das optimale Bildmaterial dafür eingefangen – besser: produziert – habe. Aber eigentlich ist das gut, denn es bedeutet, dass ich es geschafft habe, das Wesentliche nicht aus dem Blick zu verlieren.

Der Trail wird in Broschüren für Besucher*innen angepriesen und hat exzellente Bewertung bei @alltrails. Die fünf Seen haben eine interessante Färbung, aber dennoch ist die Wanderung nicht besonders schön. Tolle Seen gibt es in Alberta en masse und diese heben sich nicht durch besondere Charakteristika ab. Gerade dann, wenn man nur wenige Tage in Jasper ist, gibt es wesentlich bessere Optionen. Etwa der Trail durch den Maligne Canyon oder der Moose Trail am Maligne Lake, bei dem die Chancen gut stehen, Grizzly Bären zu sehen. Aufgrund mangelnder Zeit konnten wir diese Wanderungen leider nicht mehr machen.

Obgleich die Five Lakes Tour vergleichsweise kurz ist und keine nennenswerten Anstiege hat, dachte ich erstmals ernsthaft darüber nach, das Glück dieser Erde, das inzwischen über 10 kg wiegt, doch mal auf dem Rücken zu tragen und nicht mehr vor der Brust.

 

WANDERUNG: MOUNT EDITH CAVELL

Eine Hochgebirgswanderung. Endlich. Die erste seit Beginn meiner Schwangerschaft. Das Terrain war uns unbekannt und doch seltsam vertraut.

Im mittleren Schwierigkeitsgrad eingeordnet, ist diese Tour eine wahre Freude. Noch dazu hatten wir Bergwetter. Der Gipfel steckte in den Wolken, es war sehr kühl und gelegentlich fielen ein paar Regentropfen. Kein Sonnenstrahl wagte sich durch die wabernde Wolkendecke.

Der Weg führt durch borealen Wald hinauf, hinauf, hinauf. Über Stock und Stein und zwei, drei Gebirgsbäche. Gesprächige Pikas und neugierige Murmeltiere begleiteten uns immer mal für wenige Schritte. Ein Meer aus Blüten säumte unseren Weg, schwappte uns vor die Füße. Immer wieder traten Bäume und Felsen beiseite, um den Blick freizugeben auf den mächtigen Gletscher, dessen Schmelzwasser sich in einem smaragdgrünen See ergießt. Hartnäckig hielten sich am letzten Aufstieg ein paar Schneefelder, die von langen, harten Wintern zeugten.

Eigen- vs. Fremdwahrnehmung Wiederholt wurde ich angesprochen. Eine Dame meinte, wie mutig ich wäre, mit einem Baby die Wanderung zu machen — sie selbst würde es ja kaum allein hinauf schaffen. Ein älterer Herr wollte mir am liebsten eine Goldmedaille verleihen. Er hatte nur gerade keine dabei. Erstaunte, anerkennende Blicke treffen mich immer wieder.

An einer Weggabelung fragte mich mein Mann, ob wir einen zusätzlichen Aufstieg (etwa 100 Höhenmeter mehr) machen oder auf dem Rundweg bleiben wollten. Ich entschied mich gegen die Extrameile. Ein Novum. Früher war mir kein Weg zu weit, keine Mühe zu groß. An diesem Tag fühlten sich meine Beine nach dem Aufstieg an wie Pudding. Ich war langsam, viel langsamer als früher. Bedacht bei jedem Schritt. Nur nicht fehltreten. Kein unnötiges Risiko eingehen. Ich bat um Entschuldigung. Der Ehemann erwiederte, er wäre froh, dass er überhaupt so eine Tour mit uns (meint dabei Baby und mich) machen könnte. Das hätte er gar nicht zu hoffen gewagt. Auf dem Rückweg setzt der Regen ein. Die Kälte nimmt zu, ist jetzt unangenehm. Die letzten Meter zurück zum Parkplatz wurden zum Kraftakt. Der Ehemann bot wiederholt an, mir die Kleine abzunehmen. Ich lehnte ab. Ich kann nicht anders.

Es war eine traumhafte Wanderung, stellenweise mühsam mit Kleinkind in Babytrage, aber das gehört nun auch dazu. Eine tolle Erfahrung, für die ich dankbar bin – dankbar, so etwas mit meiner Tochter machen zu können.

 

WILDTIERE BEOBACHTEN – AUSSER BÄREN…

Unbedingt, ganz unbedingt wollten wir Bären sehen. Grizzlys natürlich, nicht nur Schwarzbären. Dazu machten wir extra eine Tour mit einem Guide. Funktioniert hat es nicht; aus nächster Nähe sahen wir Bergziegen, Schneeziegen, Wapiti Hirsche (sogar den König des Waldes höchstselbst) und Murmeltiere – aber eben keine Bären. Nicht einmal einen Schwarzbären.

Insgesamt hatten wir nur zweimal in sechs Wochen Kanada das Glück, Bären zu sehen. Keine Grizzlys, so viel Glück dann auch wieder nicht. Und die beiden Male, da wir Schwarzbären erspähten, kreuzten diese in etwa 100 Meter Entfernung die Straße vor uns. Es war etwas ernüchternd.

Unterkunft: Wapiti Campground; alles in allem in Ordnung. Es empfiehlt sich, vorzubuchen. Wir hatten nur noch einen Overflow-Stellplatz bekommen. Dabei handelt es sich eher um einen Parkplatz für das Wohnmobil, als um einen Stellplatz – Feuerstelle sowie Tisch und Bank, aber vor allem Wohlfühl-Abstand zum Nachbarn fehlen. Eventuelle Alternative: der auf der anderen Seite des Highways gelegene Whistler Campground.


FAZIT


Im Nachhinein stellte sich heraus, dass Alberta nicht nur günstiger ist, als British Columbia – insbesondere bezüglich Benzin und Lebensmitteln, was mit dem Steuersystem zusammenhängt. Die Menschen hier sind freundlicher, die Natur schöner, das Klima angenehmer als es in British Columbia der Fall ist. Diese Erfahrung hat mich überrascht und würde ich die Reise nochmal planen, würde ich in Alberta deutlich mehr Zeit verbringen wollen.

 

W E I T E R E B E I T R Ä G E

Kanada mit Kleinkind

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Kanada Roadtrip Route: Elternzeitreise